Darauf muss man erstmal kommen: Dror Mishani entwickelte nach seinem Literaturstudium einen Hochschulkurs, in dem er anhand der Lektüre von zehn bis zwölf Detektivgeschichten bewies, "dass alle Detektive falsch lagen". Dann begann der 1975 in Cholon bei Tel Aviv geborene Liebhaber des klassischen Kriminalromans diesen Kurs zur Doktorarbeit zu erweitern. Parallel lektorierte er häufig Übersetzungen klassischer Kriminalliteratur ins Hebräische und fragte sich: "Warum gibt es solche Romane nicht von Autoren, die auf Hebräisch schreiben?" Er legte seine Doktorarbeit auf Eis und schrieb seinen ersten Roman, einen klassisch strukturierten Kriminalroman mit dem Protagonisten Avi Avraham aus Cholon, der später oft mit Georges Simenons Kommissar Maigret und Henning Mankells Wallander verglichen wurde. Zwei weitere Bücher um Avi Avraham folgten; die Verkaufszahlen waren passabel und es hätte immer so weitergehen können, doch die Idee zu seinem gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Drei" kam dazwischen: Drei sehr unterschiedliche Frauen aus Tel Aviv erzählen von ihrer Beziehung zu demselben Mann. Der Leser liegt zunächst ganz falsch, denn um Liebe geht es in diesem sprachlich einfach gehaltenem, aber spannend strukturierten, heimlichen Kriminalroman nicht, sondern um wechselnde Macht, Lügen, Verzweiflung, Einsamkeit und das Schweigen der Opfer, das die Verbrechen erst ermöglicht.

Alle drei Frauen befinden sich in einer Krise und Gil macht den Eindruck eines seriösen Rechtsanwalts: freundlich und hilfsbereit, zugewandt, aber nicht aufdringlich; und er kann gut zuhören. Dennoch fragt man sich als Leser, was die zwei Ornas aus der Mittelschicht, eine alleinerziehende Lehrerin und eine verheiratete Studentin mit zwei Kindern, und die lettische Arbeitsmigrantin Emilia an diesem etwas schwammigen, unerotischen, nicht besonders interessanten Mann mittleren Alters finden, warum sie ihm so leidenschaftslos folgen. Nicht nur das bleibt im Dunkeln. Dror Mishani mag Kriminalromane, in denen manches rätselhaft bleibt. "Ich denke, das ist realistischer", sagt er in fließendem Englisch in einer Hamburger Hotelbar.

"Das ist sehr wichtig für mich. Einerseits mag ich es mit Formen und Strukturen zu spielen und manchmal habe ich Lust, wie Borges oder Dürrenmatt oder einige zeitgenössische lateinamerikanische Autoren philosophischer zu schreiben und spielerischer mit der Realität umzugehen, aber ich kann es nicht. Wenn kein richtiges Leid im Zentrum der Story steht, schreibt sie sich nicht von selbst."