Mishani lebte nach dem Studium mit seiner Frau vier Jahre in Cambridge und ein Semester in den USA. An diesem kühlen Nachmittag in Hamburg hat er einen Whisky bestellt. "L'Chaim" prostet er seinem Gegenüber zu. An diesem Abend wird er auf einem Museumsschiff aus "Drei" lesen, Mitte Oktober ist er in Wien. Die Frage nach möglichen deutschen oder österreichischen Vorfahren hat er bestimmt schon öfter gehört. Nein, er habe keine familiären Verbindungen nach Deutschland und Österreich. "Mein Vater ist in Israel geboren, aber seine Eltern kamen aus Syrien und dem Libanon. Und mütterlicherseits liegen die Wurzeln in Ungarn und Bulgarien."

Die Herkunft seiner Charaktere beziehungsweise ihre Zugehörigkeit zu einer israelischen Bevölkerungsgruppe spielt in all seinen Romanen eine, wenn auch periphäre, Rolle. In der Serie sind die meisten Charaktere Mizrachim, wie der Autor selbst. "Oft wird die Zugehörigkeit nicht ausgesprochen, man merkt es nur, wenn man sich mit den Namen, Verhaltensweisen etc. auskennt", erklärt Dror Mishani und verweist auf für Außenstehende ähnlich schwer auszumachende Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. "In diesem Buch ist die Zugehörigkeit zur jeweiligen Bevölkerungsgruppe sehr wichtig. Beide Ornas sind Mizrahi. Und in Gils Profil auf der Dating-Plattform, über die er die erste Orna kennenlernt, steht, er sei Ashkenazi. Seine Arbeit besteht darin, Rumänen, Polen und anderen Osteuropäern Pässe auszustellen, eine Machtposition. Und er fragt Orna, ob sie einen Pass braucht, und sie antwortet etwa: 'Wenn du Beziehungen zu Gaddafi hast.' Es ist also von Anfang an klar, was sie sind."

In einem der wichtigsten Artikel, die in Israel über "Drei" erschienen sind, habe ein Journalist geschrieben, dieser Roman würde neu definieren, wer in der israelischen Gesellschaft gut und wer schlecht ist. "Früher galt auch im Film und in der Literatur die unausgesprochene Regel, dass das Böse von Minderheiten kommen muss, von Arabern oder Extremisten. Der Ashkenazi war der Gute, da er zur Mehrheitsgesellschaft gehört, ein gebildeter Anwalt aus einer guten Familie. Mein Ansatz ist das nicht. Ich wollte einen Mörder, dem die meisten Israelis auf den ersten Blick vertrauen."

Da Kriminalromane meist aus der Sicht des Kommissars oder des Mörders erzählt werden, interessierte Mishani hier vor allem die Perspektive der Opfer. Der strategisch kühl denkende Gil bleibt viel farbloser als die Frauen, deren Innenleben Mishani fesselnd beschreibt. Die Entwicklung am Ende des ersten der drei Kapitel bringt Spannung in die anfangs etwas langatmige Geschichte. Der überraschende Schluss wird nur durch eine originelle Form der auktorialen Perspektive im dritten Kapitel ermöglicht. "Den ersten und den zweiten Teil schrieb ich ziemlich schnell, beim dritten konnte ich nicht mehr so dicht an der Erzählerin bleiben, sonst hätte ich zu früh zu viel verraten. Dann fand ich irgendwann diese auktoriale Perspektive, die zu Emilia und Orna spricht. An einer Stelle heißt es: "Als wäre er nicht mehr der Gil, den ihr beiden gekannt habt, oder als würde die Zeit auch ihn verändern."