Die Zeit beziehungsweise der globale Mainstream, Netflix und Übersetzungen aus dem Ausland verändern auch die Literaturlandschaft Israels. Hebräische Literatur hatte einen großen Anteil an der Entstehung der jüdischen Nation und des nationalen Ethos. Kriminallitteratur, aber auch Science Fiction und Fantasy dienen nicht diesem Zweck, eher im Gegenteil: Gute Kriminalliteratur dringt bis in dunkle Bereiche der Gesellschaft vor, die mancher lieber nicht beleuchtet sehen möchte. Mishani beobachtet, dass die israelische Kultur noch immer Protagonisten, "die gegen die Welt dort draußen kämpfen" bevorzugt. Die erfolgreichsten israelischen Fernsehserien würden sich um Mossad-Agenten drehen oder um Sicherheitsdienste, die gegen Palästinenser oder Iraner kämpfen. Die Polizisten, über die er schreibt, kämpfen hingegen gegen den Feind im eigenen Land, "gegen unsere Mörder, unsere Vergewaltiger, unsere Gewalt". Für einige Landsleute ist das Verrat.

Für seinen Geschmack ging es in der israelischen Literatur viel zu oft um die nationale Geschichte. "Es muss auch andere Gechichten geben", sagt er. Solche wie "Drei", die Genre-Grenzen und soziale Gewissheiten unterlaufen. Mishani lehrt heute noch einen oder zwei Tage pro Woche an der Universität Tel Aviv die Geschichte der Kriminalliteratur. In den letzten Jahren seien immer mehr interessante israelische Krimis auf den Markt gekommen, global gesehen beobachte er aber eine andere Entwicklung: "Es gibt eine europäische Tradition des realistischen, politisch linken, fast marxistischen Detektivromans von Autoren, die in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren begannen." Sjöwall/Wahlöös Martin Beck, Henning Mankells Walander, Petros Markaris, die Französin Fred Vargas und andere.

"Ich liebe Andrea Camilleri sehr, der kürzlich starb. Und ich fragte mich neulich, ob diese Art von Kriminalliteratur, bei der nicht überall Leichen herumliegen und es nicht so viel Action gibt, auszusterben droht. Das wäre wirklich schade." Einige Skandinavier stünden in dieser Tradition: Håkan Nesser und Leif Persson, in gewisser Weise der Deutsche Jan Costin Wagner. Seine eigenes Schreiben sieht er unpolitischer. In seinem nächsten Roman sollen die Leser Avi Avraham wiedertreffen, "Drei" sei nur eine Unterbrechung der Serie gewesen. Wobei Mishani auch über ein Buch nachdenkt, das den jüngeren Gil zu Wort kommen lässt, zehn Jahre vor den Morden in "Drei".