Die Seele - mit diesem Begriff hat Olga Tokarczuk kein Problem. "Es ist eine gute, alte Metapher, die den Menschen jahrtausendelang genügt hat", sagte die polnische Schriftstellerin in einem Gespräch mit ihrer Kollegin Kinga Dunin für die Zeitschrift "Krytyka Polityczna". Die Wissenschaften, die Biologie hätten noch immer keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein gefunden, für das Sich-Verlieren und das Wieder-Finden in sich.

Mit Metaphern arbeitet Tokarczuk hauptsächlich. Und ihre Arbeit als "Reiseliteratur" zu bezeichnen, kann ebenfalls als Metapher angesehen werden. Denn ihre Wanderungen führen die Protagonisten - oft Ich-Erzählerinnen - nicht nur über Ländergrenzen hinweg, sondern auch in Innenwelten: in die eigene oder eine fremde Seele, in die Vergangenheit und eine historische Empfindung, sogar in das Gefüge von Kräutern oder Pilzen hinein. Schon Tokarczuks Debütroman "Die Reise der Buchmenschen" trug die Bewegung im Titel, der nachfolgende Band, "E.E.", wiederum vertiefte sich in das Innenleben einer jungen Frau mit übersinnlichen Fähigkeiten. Den literarischen Durchbruch aber brachte das dritte Werk, "Ur und andere Zeiten".

Seit damals, Mitte der 1990er Jahre, hat sich Tokarczuk zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Polens entwickelt. Geboren 1962 in Sulechow, einer Kleinstadt im Westen des Landes, hat sie zunächst Psychologie studiert und als Psychotherapeutin gearbeitet. Nach den ersten literarischen Erfolgen zog sie in den Süden Polens.

Pfade in die Vergangenheit

Die Landschaft und die Geschichte Niederschlesiens, der Sudeten, des Grenzgebiets ließ Tokarczuk in ihre Erzählungen einfließen. Denn die meisten ihrer Romane bestehen aus unterschiedlichen Erzählungen, die einander kreuzen, sich verbinden, um sich danach wieder voneinander zu lösen und eigene Wege zu gehen. So ist es auch in "Taghaus, Nachthaus", erschienen 1998, wo die Geschichte einer alten Perückenmacherin mit der einer deutschen Familie, die im Zweiten Weltkrieg flüchten musste, verknüpft ist, wo von Dorfbewohnern mit Hang zur Melancholie und zum Alkohol ebenso erzählt wird wie von der Essbarkeit ansonsten giftiger Pilze.

Noch zahlreicher sind die Pfade, die in "Unrast" begangen werden. Das Buch erschien 2008, und zehn Jahre später erhielt Tokarczuk dafür den britischen Man Booker International Prize. Darin führt das Unterwegs-Sein per Zug, Flugzeug und zu Fuß nicht unbedingt an unbekannte Orte, sondern eher zu Fremden, die es kennenzulernen gilt. Das Ziel der Reise ist damit der andere Reisende. Das kann auch Philip Verheyen sein, ein flämischer Anatom und Chirurg, der im 17. Jahrhundert gelebt hat. Akribisch beschreibt Tokarczuk in einem Erzählstrang dessen eigene Reise in das Innere des menschlichen Körpers.

Historisch belegt ist ebenso die Gestalt von Jakub Frank, des Titelgebers der "Jakobsbücher", die in Polen 2015 mit dem prestigeträchtigen Nike-Preis ausgezeichnet wurden. Und es ist ebenfalls eine Reise in die Vergangenheit, als ein charismatischer jüdischer Sektenführer sich mit einer polnischen Adeligen verbündete und sich die Menschen in Mitteleuropa nicht über ihre Nationalität, sondern ihren Stand und ihren Beruf identifizierten. Auch darin glänzt Tokarczuk mit Detailwissen.

Nicht zuletzt dieses würdigten die Mitglieder der Schwedischen Akademie, als sie der Polin den Literatur-Nobelpreis für das Jahr 2018 zusprachen. Die Jury argumentierte ihre Wahl mit Tokarczuks "narrativer Vorstellungskraft, die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht". Zuletzt hatte aus Polen die Dichterin Wislawa Szymborska den Nobelpreis erhalten - 1996.

Doch wird sich vielleicht nicht jeder in ihrer Heimat über die Auszeichnung für Tokarczuk freuen. Denn dort prangerte die Schriftstellerin auch die Intoleranz gegenüber Flüchtlingen und antisemitische Tendenzen an.

Am Sonntag findet in Polen die Parlamentswahl statt, bei der die nationalkonservative Regierung wohl bestätigt wird. Es ist ein Zufall, dass nur wenige Tage zuvor Tokarczuk der Literatur-Nobelpreis zugesprochen wird. Ihr Werk ist jedenfalls ein dauerhafter Versuch, sich engen Grenzen entgegenzustellen.