Für gewöhnlich sind es Alkohol und Rock’n’Roll, die Teenager durch die Sturmzeiten des Protests begleitet. Wenn es dazu noch ein Buch sein darf, macht meist Hermann Hesse das Rennen. "Der Steppenwolf", "Siddhartha", "Unterm Rad": Wer damit herumstolziert, tritt nicht nur als Feingeist auf. Er trägt quasi den amtlichen Nachweis des Nonkonformismus mit sich.

Bei einer Lesung 1967: Peter Handke. - © dpa/Norbert Försterlin
Bei einer Lesung 1967: Peter Handke. - © dpa/Norbert Försterlin

Kinder der 70er und 80er Jahren griffen aber auch zu einem anderen Autor - nämlich Peter Handke. Kein Schreiber schnarchiger Klassiker von gestern, sondern ein streitbarer, heutiger Geist. Zwar muss man einräumen: Handkes Bücher sind Musterbeispiele der Verinnerlichung und der Selbstversenkung. Der Mann mit dem hippiehaften, helmförmigen Haar knallte der Gesellschaft, bei aller Liebe zum literarischen Elfenbein, aber auch gerne den Fehdehandschuh ins Gesicht. Und: Er scherte sich einen Dreck um Trends und Tabus. Das zeigte nicht erst jene Kontroverse, die dem Autor in den 90er Jahren den schwerwiegenden Vorwurf einbrachte, serbische Kriegsverbrechen verharmlost zu haben. Handke hatte bereits in seinen früheren Werken dem literarischen Außenseitertum gefrönt. Einige Lesetipps zu den frühen Schaffensjahren.

Ein Handke-Titel hat sich sogar bis zu den Sportjournalisten herumgesprochen, nämlich "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970, wie alle weiteren Bände bei Suhrkamp erschienen). Dabei hat die Erzählung nichts mit dem Fußballfeld zu tun, sondern vielmehr mit den Grundthemen des Kärntners: Einsamkeit und Verstörung, eine Kluft zwischen Innen- und Außenwelt. Hier glaubt der ehemalige Tormann und Monteur Josef Bloch, gekündigt worden zu sein, und geht - ein freilich hochsubjektiver Befund angesichts der Tatsache, dass bei seiner Ankunft in der Bauhütte nur der Polier kurz aufschaut. Prompt rasselt der Mann nicht nur durch die Maschen der Gesellschaft, er verliert sich in einer Welt, deren Zeichen er nicht mehr zu dechiffrieren versteht. Dass dieser Josef Bloch in der Folge eine Kassiererin ermordet, ist für die Handlung unwichtiger als der fortschreitende Verfall seiner Wahrnehmung.

Ähnliche Prioritäten setzt "Die Stunde der wahren Empfindung" (1975). Auch hier ist von einem Mord zu berichten. Den hat Gregor Keuschnig, Einzelgänger im Zentrum, zwar nur geträumt. Dennoch schleudert er ihn aus dem Orbit der Gesellschaft. Keuschnig, ein Botschaftsmitarbeiter in Paris, geistert wie ein Ufo durch die Stadt, unfähig, ihren Zeichenwald und ihre Bewohner zu verstehen, "die auswendig gelernt hatten, wie man Leben vortäuscht". Keuschnigs grimmiger Solipsismus wird erst durch die "Stunde der wahren Empfindung" durchschlagen - eine unverhoffte, stille Erleuchtung, die die Wand zwischen Weltdeutung und Wirklichkeit einreißt und Keuschnig in die Realität zurückbugsiert.

Quasi außer Konkurrenz, abseits seiner Leibthemen hat Handke "Wunschloses Unglück" (1972) geschrieben. Das halbbiografische Werk über seine Mutter ragt wie ein mahnender Solitär aus seinem Schaffen. Penibel zeichnet es das Leben einer Frau nach, deren fremdbestimmtes, bitteres Leben durch eine Tat von eigener Hand endet: Suizid.

Handke versteht aber auch zu beglücken, wie mit dem nur scheinbar öden Essay "Versuch über die Müdigkeit" (1989). 80 Seiten meditiert der Band über die verschiedenen Varianten der Ermattung und spricht ihrer positiven Form hohe Kraft zu: Müdigkeit könne den Menschen kontemplativ mit der Welt vereinen - ein ähnliches Mirakel also, wie es die "Stunde der wahren Empfindung" vollbringt. "Dank meiner Müdigkeit", sagt Handke, "wurde die Welt ihre Namen los und groß." Selten schließt man die Augen so versunken und versöhnt.