Erzählt mit souveräner Leichtigkeit und trockenem Humor: Jackie Thomae. - © Urban Zintel
Erzählt mit souveräner Leichtigkeit und trockenem Humor: Jackie Thomae. - © Urban Zintel

"Für euch, schwarze Schafe", so lautet die Widmung von Jackie Thomaes neuem Roman, "Brüder". Angesichts des Umstandes, dass die beiden Protagonisten zwei Männer mit dunkler Hautfarbe aus der ehemaligen DDR sind, nimmt die Widmung bereits die Tonlage vorweg, in der Thomae das vielschichtige Thema der Identitätsfindung beschreibt: Mit souveräner Leichtigkeit, trockenem Humor und kein bisschen wehleidig.

Und wie schon in ihrem ersten Roman, "Momente der Klarheit", der 2015 erschien, brilliert die 1972 in Halle geborene Schriftstellerin und Journalistin auch diesmal wieder mit genauer Beobachtungsgabe, Feingefühl und sprachlicher Virtuosität. Auch der Titel ist gut gewählt, denn mit ihrem Roman entlarvt Thomae eloquent verschiedene Vorurteile und Plattitüden, unter anderem die Aussage, dass alle Schwarzen automatisch "Brüder" seien.

Die Halbbrüder Mick und Gabriel, die nichts voneinander wissen, wurden beide als Sohn desselben afrikanischen Studenten und zweier verschiedener weißer Mütter 1970 geboren und wuchsen vaterlos in der DDR auf. Im ersten Teil des Buches erzählt Thomae vom jungen Mick, der leichtfüßig durchs Leben tänzelt, ohne klare Ziele vor Augen zu haben, gutgläubig in Fallen tappt und glücklich wieder herausfindet, um in die nächste Katastrophe zu schlittern.

Mick ist mitfühlend, aber nicht wirklich zuverlässig und kann auch in Westdeutschland mit dem bürgerlichen Lebensstil nichts anfangen: "Wer verlangt denn von einem Mann in seinen Zwanzigern, dass er lebt wie ein Vorstadtpapa, und wirft ihn dann, wenn er sich endlich an diese Lebensweise herangetastet hat, auf die Straße?"

Sein Halbbruder Gabriel lebt tatsächlich wie ein Vorstadtpapa: Zielstrebig verfolgt er seine Schullaufbahn und seine Architektenkarriere, geht nach London und verschreibt sich erfolgreich mit seiner Familie einer bürgerlichen Lebensweise, bis ein banaler Vorfall, bei dem er die Nerven verliert, einen Skandal auslöst und ihn seine Reputation und seine Dozentenstelle kostet.

Während Mick seine Hautfarbe charmant einzusetzen weiß und sie auch nicht so wichtig nimmt, denkt Gabriel viel darüber nach, weil er diskriminierende Erfahrungen gemacht hat: "In den USA aber spielte es auch keine Rolle mehr, dass meine Mutter weiß war, siehe Barack Obama, dessen weiße Mutter so gut wie nie erwähnt wurde. Ethnisch fünfzig Prozent, erzieherisch hundert, doch es wurde einfach so getan, als existiere sie nicht, für Schwarze wie Weiße war dieser Mann schwarz. Was mich daran störte, war nicht, als schwarz zu gelten, es war die Farbbesessenheit in diesem Land und das Tropfen-in-der-Milch-Prinzip. Bei dem ich mich schon immer gefragt hatte, wieso Weiße davon ausgehen, dass ihr preisgekröntes Genmaterial nach einer Generation komplett verschwinden sollte."

Zwei ähnliche Grundvoraussetzungen, zwei grundverschiedene Charaktere und Schicksale. Die beiden fiktionalen Biografien, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, hat Thomae erkenntnisreich zu einem wunderbaren Buch verwoben, das zu Recht als Favorit für den Deutschen Buchpreis gilt.