Von der Literatur "sind mir Sachverhalte gezeigt worden, deren ich nicht bewußt war oder in unbedachter Weise bewußt war. Die Wirklichkeit der Literatur hat mich aufmerksam und kritisch für die wirkliche Wirklichkeit gemacht". So formulierte Peter Handke 1967 zu Beginn seines Essays "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms", und genau diesen Titel gab er 1972 einem Sammelband mit Betrachtungen über die Literatur, den Film und das Leben. Dieses Bekenntnis zum Elfenbeinturm wirkte damals provokant, die Stimmung wies in Richtung Kritik und Engagement, und es nimmt Handkes Entscheidung für eine Lebens- und Arbeitsform abseits des Zeitgeists vorweg.

Als er 2012 seinen "Versuch über den Stillen Ort" vorlegte und damit tatsächlich das stille Örtchen meinte, hat das die Kritik zum Staunen gebracht. Dabei hätte man es wissen können, schließlich hatte Handke in "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994) schon angedeutet, dass das durchaus ein lohnendes Thema sein könnte. Niemand aber kann sich wie Handke diesem Ort des Rückzugs wie der Begegnung nähern und fast beiläufig seine "Entschlüsselung" liefern. Denn es hat System, wie die streng geometrischen Muster die Prozesse der so gar nicht abgezirkelten menschlichen Kreatürlichkeit überkacheln.

Repräsentant des Neuen

Das ist vielleicht eine der am wenigsten beachteten Seiten von Handkes Werks: seine große Sensibilität für gesellschaftspolitische Implikationen und Entwicklungen. Das gilt keineswegs nur für das Frühwerk, das die damals in der Luft liegende Kritik an Sprache, Sprechweisen und Formvorgaben aufgreift, dabei jedoch immer einen Schritt über die bloße Zerschlagung von Modellen hinausgeht.

In Phasen gesellschaftlicher Umbrüche werden mitunter Figuren als Repräsentanten des Neuen wahrgenommen, die das vielleicht nur zufällig sind und sich - wie Handke - rasch in der ihnen zugedachten Rolle nicht mehr wiederfinden. "Als ich die ‚Publikumsbeschimpfung‘ geschrieben hab, war ich wirklich das reine Kind meiner Zeit", so Handke in einem Interview. Das Bild trifft Handkes medienstarken Auftritt im Jahr 1966 - bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton und mit seinem Erfolgsstück "Publikumsbeschimpfung" - ziemlich genau und erklärt seine lebenslängliche Auseinandersetzung mit der Frage der Zeitgenossenschaft.

Handke war der Kultautor des Aufbruchs im Zeichen der Popkultur, der die Jugend mobilisierte. Als 1971 mehr als tausend jugendliche Besucher zu einer Lesung in die Grazer Neue Galerie drängten, wurde dem verspätet eintreffenden Handke der Zutritt verwehrt. "Handkemenge" titelte "Die Zeit" spöttisch.