Oft kommt es nicht vor, dass sich ausgerechnet der PEN-Club, wahrscheinlich die größte weltweite Schriftstellervereinigung, entsetzt zeigt über die Wahl des Literatur-Nobelpreisträgers. Am Donnerstag, als dem Österreicher Peter Handke diese Ehre zuteilwurde, war es aber so weit. "Sprachlos" sei man, schrieb PEN America recht rasch über die Wahl eines Schriftstellers, der "seine öffentliche Stimme dazu genutzt hat, geschichtliche Wahrheit zu unterwandern und Kriegsverbrechern wie Slobodan Milosevic und Radovan Karadzic Beistand geleistet hat".

Während Schriftsteller in Österreich gratulierten - allen voran Nobelpreiskameradin Elfriede Jelinek, die sogar meinte, Handke hätte die Auszeichnung schon vor ihr bekommen sollen - , sah das die internationale Kollegenschaft nicht ganz so sonnig. Der deutschsprachige Schriftsteller Sasa Stanisic, in Visegrad als Sohn einer Bosniakin und eines Serben geboren, tut sich aus naheliegenden biografischen Gründen schwer mit der Trennung von Kunst und Politik bei Handke. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter machte er seiner Wut über Peter Handke Luft, den er als jemand, der "gegen geschichtliche Tatsachen des Genozids anschreibt, und dem dafür schöne Sprache attestiert wird" bezeichnet.

Salman Rushdie ist seit mehr als 20 Jahren der prominenteste Kritiker Peter Handkes aus den Reihen der Schriftstellerkollegen. - © ap/Joel Saget
Salman Rushdie ist seit mehr als 20 Jahren der prominenteste Kritiker Peter Handkes aus den Reihen der Schriftstellerkollegen. - © ap/Joel Saget

Der prominenteste Kritiker Handkes aus der Welt der Literatur ist aber wohl Salman Rushdie. Auch er fand kein Gefallen an der Entscheidung der schwedischen Akademie, auch er tat seinen Unmut über Twitter kund. Er kann nichts damit anfangen, wenn die Wahl Handkes als Schlag gegen die Politische Korrektheit interpretiert wird: "Wenn Sie finden, dass die Abscheu gegenüber der Verleugnung von Völkermord Politische Korrektheit ist, dann ist diese Konversation beendet", antwortete er einem diskutierfreudigen Literatur-Professor. Es sprang ihm die US-Autorin Joyce Carol Oates zur Seite: "Woher kommt diese Sympathie für Schlächter und nicht für Opfer? Normalerweise sind Schriftsteller instinktiv auf der Seite der Unterdrückten und Hilflosen."

"Idiotie"

Die Aufforderung des Literaturprofessors, Kunst und Politik voneinander zu trennen, kommentierte Rushdie in diesem "Gespräch" dann schon nicht mehr. Das mag daran liegen, dass er einer jener Schriftsteller ist, bei dem sich Kunst und Politik niemals trennen lassen werden - immerhin hat ihm sein Werk zwar auch ein paar Preise, aber auch eine Fatwa - also ein Todesurteil - eingebracht.

Die Fehde Rushdie-Handke hat freilich tiefere Wurzeln. Es ist nicht das erste Mal, dass der britisch-indische Autor sich über Handke ereifert. "Ich habe schon vor 20 Jahren über Handkes Idiotien geschrieben", erinnerte er selbst am Donnerstag auf Twitter. Tatsächlich war Rushdie die Speerspitze einer Phalanx internationaler Intellektueller, die in den 1990er Jahren die proserbische Haltung des Österreichers verdammten.

"Monster"

Dass Handke von "mutmaßlichen Massakerstätten" in Srebrenica geschrieben hat, ließ etwa Susan Sontag vermuten, dass viele seiner Freunde nun Peter Handkes Bücher in Zukunft nicht mehr zur Hand nehmen wollen. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut war da schon weniger zurückhaltend und bezeichnete Handke als "ideologisches Monster".

Richtig aufgebracht hat Handke aber Salman Rushdie, der unter anderem in "Le Monde" den Essay-Bihänder auspackte. Er warf Handke vor, "halb verrückt und halb zynisch" zu sein und sich im großen Stil zum Komplizen des Bösen zu machen. 1999 machte sich Rushdie in einer Polemik gegen Handke wegen dessen Haltung zum Kosovo-Krieg auf die Suche nach dem "größten internationalen Trottel des Jahres". Er nominierte neben Handke Charlton Heston, den unbeirrbaren Kämpfer für das Recht auf Bewaffnung in der USA. Knapp machte dieses Rennen dann doch Heston.

Erbarmungsloser ist nur die Beurteilung, die Jonathan Littell ("Die Wohlgesinnten") über Handke abgegeben hat. In einem Interview aus dem Jahr 2008 sagte er: "Er betrachtet alles mit den Augen der Serben. Ich habe diesen Krieg von allen Seiten erlebt, ich war bei den verdammten Serben, den verdammten Kroaten und den verdammten Bosniern. Ich lag mit bosnischen Männern in den Schützengräben in Nedzarici und hörte die Schreie ihrer geschändeten Frauen, die wie eine Welle zu uns herüberdrangen. Freundlich zu diesen Verbrechern zu sein, ist obszön, und genau das hat Handke getan. Er sollte den Mund halten. Er mag als Künstler fantastisch sein, aber als Mensch ist er mein Feind. Man darf unmoralisch sein, solange man sich in der Kunst bewegt. Aber sobald man diesen Bereich verlässt und politisch spricht, gelten andere Regeln. Handke ist ein Arsch."

"Arsch"

Ein Kraftausdruck, den übrigens auch Handke einzusetzen weiß, wie eine Anekdote erzählt, die auch ganz gut illustriert, wie nahe Handke die Kritik seiner Kollegen gehen dürfte. Bei einer Lesung mit Publikumsgespräch stand ein Zuhörer auf und berichtete Handke von seiner Betroffenheit ob dessen serbenfreundlicher Haltung. Handke beschied ihm kurzerhand, er könne sich seine Betroffenheit in den Arsch schieben.