Ist sowohl von Bertolt Brecht als auch vom Film geprägt: Petros Markaris. - © Regina Mosimann
Ist sowohl von Bertolt Brecht als auch vom Film geprägt: Petros Markaris. - © Regina Mosimann

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris ist für seine Krimis um seinen Athener Kommissar Kostas Charitos bekannt. Der inzwischen verstorbene Regisseur Theo Angelopoulos für seine epischen Autorenfilme. Gemeinsam haben die beiden Freunde einige der wichtigsten europäischen Drehbücher geschrieben. Markaris "Tagebuch einer Ewigkeit" über den in Cannes preisgekrönten Film "Die Ewigkeit und ein Tag" zeigt, wie Literatur und großes Kino entstehen. Der letzte Krimi des 83-jährigen, "Drei Grazien", verarbeitet das aktuelle Geschehen: Vetternwirtschaft, Korruption, Rechtsextremismus in einem von der Krise gebeutelten Griechenland und ist wie immer beste Unterhaltung samt politischer Analyse. Ein Gespräch über Brecht-Expertentum, unaufmerksame Zensoren und den Wiener Margaretengürtel.

"Wiener Zeitung": Die Bücher um Ihren Polizisten Kostas Charitos sind total erfolgreich. Charitos nennt Athen seine Heimat, Sie jedoch nicht. Warum?

Petros Markaris: Charitos und ich sind beide Zuzügler in Athen. Er stammt aus Epirus und ich aus Istanbul. Charitos begreift Athen als seine Heimat, weil er keine emotionelle Beziehung zu Epirus hat. Die Polizeischule in Athen war seine einzige Möglichkeit, um Epirus zu verlassen und nach Athen zu ziehen. Ich dagegen habe nach wie vor eine besondere Beziehung zu Istanbul. Ich sage immer, ich habe eigentlich keine Heimat, sondern lediglich eine Heimatstadt, nämlich Istanbul.

Wie kann jemand heute Athen am besten entdecken?

Man sollte sich vor allem nicht auf die Antike beschränken, also nur die Akropolis, den antiken Keramikos-Friedhof oder den Poseidon-Tempel in Sounion besichtigen. Sondern auch durch die Altstadt spazieren und Monastiraki, Thission und die Plaka erkunden, jene Stadtteile, in denen rund um den Keramikos-Friedhof das hippe moderne Athen gebaut werden sollte. Meine zweite Empfehlung ist, mit der Metro-Linie 1 von Piräus nach Kifissia zu fahren. Die 24 Stadtviertel auf dieser Strecke geben einen Einblick in das traditionelle bürgerliche und kleinbürgerliche Athen vom Hafen von Piräus bis zu Kifissia, dem traditionellen Vorort des Großbürgertums.

Sie haben in Wien studiert. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie heute nach Wien kommen?

Ich besuche fast immer den Margaretengürtel, wo ich damals wohnte. Danach versuche ich herauszufinden, was sich alles in der Stadt geändert hat. Der Margaretengürtel ist jetzt ein anderes Viertel. Vor ein paar Jahren fragte mich ein Journalist: "Finden Sie, dass sich Wien sehr geändert hat?" "Ja" sagte ich. "Jetzt hat Wien ein Nachtleben. Als ich hier studierte, hatte die Stadt nur ein sehr lebendiges Nachmittagsleben."