Experimentierfreudig und hellsichtig: Doris Lessing im Jahr 1990. - © ullstein bild/Schiffer-Fuchs
Experimentierfreudig und hellsichtig: Doris Lessing im Jahr 1990. - © ullstein bild/Schiffer-Fuchs

"Vielleicht ist es nicht immer von Vorteil, wenn man etwas so erbarmungslos durchschaut", sagt Sebastian zu Jody. Die beiden jungen Leute, die an diesem Abend etwas ratlos zusammensitzen, verfolgen mit Befremden, wie ihre jeweiligen Partner, Jodys Freund Henry, Sebastians Partnerin Angela, unentwegt zusammenglucken, und sich als Ex-Paar so intensiv um die Belange der gemeinsamen 11-jährigen Tochter kümmern, dass nichts anderes in diesen - als gemeinsames Wochenende der beiden Paare geplanten - Tagen mehr Platz hat.

Es ist die Titelgeschichte "Wo-rum es wirklich geht" des gerade erschienenen Erzählbandes, mit dem die bedeutende Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Doris Lessing anlässlich ihres 100. Geburtstages am 22. Oktober noch einmal in Erinnerung gerufen werden soll. In einer anderen Geschichte befreunden sich zwei Frauen, deren Ehemänner als Ärzte eine Gemeinschaftspraxis eröffnet haben, zugleich beginnen schon zu Beginn dieser Viererfreundschaft zwei von ihnen, Frederick und Muriel, eine Affäre.

"Zwei Ehen, beide so glücklich, wie Ehen sind, beide vorbildlich in den Augen der Gesellschaft, bargen einen entsetzlichen Makel . . . der aber fraß die Ehen nicht auf und schien überhaupt keine Rollen zu spielen: Die Geschichte kann nicht so erzählt werden, wie die beiden Betrogenen es sahen; sie sahen es nicht."

Zu allen Zeiten von Doris Lessings langer Schreibkarriere, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg begann und erst mit ihrem Tod 2013 endete, kommen Paargeschichten dieser Art vor, die mit so nüchternen Fragen beginnen können wie dieser: "Worauf soll der Akzent liegen? Aus wessen Perspektive soll berichtet werden?" Subtil ist das nicht, romantisch schon gar nicht. Auch an das gefühlvollste aller Themen konnte Lessing mit der fast wissenschaftlichen Attitüde von jemandem herangehen, der Mechanismen verstehen und Muster erkennen will. Und so erscheinen ihre Geschichten und Romane mitunter eher als von Fragen und Suchbewegungen motivierte Versuchsanordnungen denn als sprachliche und stilistische Kunstwerke.

Denn das ist Doris Lessing, Autorin von fast 80 Büchern, mehr als alles andere gewesen: eine leidenschaftliche Experimentierende, die von Gedichten bis zu Theaterstücken, von Science-Fiction bis zum Opernlibretto, vom Reisebericht bis zur Graphic Novel, von Katzenbüchern bis zum politischen Essay Welten ausloten und Neues verstehen wollte. Vermutlich war es für sie selbst "nicht immer von Vorteil", die Dinge "so erbarmungslos zu durchschauen", wie sie es tat - und doch waren vielleicht diese ihre Fähigkeit zu unbestechlicher Analyse und ihr unbändiger Drang zum Experiment sowohl ihre Größe als auch ihre (literarische) Falle.