Doris May Tayler wurde am 22. Oktober 1919 in Kermanschah, Persien, geboren. Ihr Vater, Kriegsinvalide, wollte England verlassen und hatte die Bank, bei der er arbeitete, um Versetzung ersucht. Schon 1924 siedelte die vierköpfige Familie nach Südrhodesien, wo sich Alfred Tayler in Tabak- und Maisanbau versuchte. "Schon bevor ich sechs war, bin ich mit meinen Eltern tage- und wochenlang gereist, auf dem Schiff, in Zügen und Planwagen. Es ist wunderbar für ein Kind, schon so vieles zu sehen. Vermutlich ist das der Vorrat, aus dem meine Phantasie schöpft", erzählte die Schriftstellerin, als ich sie im Februar 2004 in ihrem Reihenhäuschen in West Hampstead, London, besuchte.

Die Kindheit als wildes Mädchen im rhodesischen Busch hat sie im ersten Band ihrer Autobiographie "Unter der Haut" (1994) beschrieben. Viele ihrer Bücher beziehen ihre Inhalte und ihre Kraft aus diesen ersten dreißig Jahren ihres Lebens, die sie in
Afrika verbrachte. Neben dem Glücksthema der afrikanischen Natur stand das Leidensthema der Beziehung zur Mutter.

"Wir waren so unterschiedlich, dass es nie die Chance gab, miteinander auszukommen. Das passiert in Familien. Es war weder ihr Fehler noch meiner." Mit 14 verließ die rebellische Tochter gegen den Elternwillen die Schule, mit 17 dann die Farm, um in Salisbury ihren Lebensunterhalt zu verdienen. "Heute tut mir das sehr leid, ich sehe, wie falsch ihr Leben für sie war, und ich war Teil dieses Lebens."

Als Doris Lessing 1949 nach London kam, hatte sie ihren zweieinhalbjährigen Sohn Peter an der Hand und das Manuskript ihres ersten Romans, "The Grass Is Singing" (deutsch "Afrikanische Tragödie") im Gepäck. Hinter ihr lagen eine Ehe mit Frank Wisdom - die beiden gemeinsamen Kinder blieben bei ihm zurück - und eine zweite mit dem deutschen jüdischen Emigranten Gottfried Lessing, in London lediglich als Arrangement der gemeinsamen Elternschaft fortgeführt.

Der Erfolg als Schriftstellerin aber ließ nicht lange auf sich warten. Zwischen Alleinerziehen, politischem Engagement für die Sache des Kommunismus und schriftstellerischer Arbeit verging das erste Jahrzehnt in London.

Faszination Sufismus

"Ich steckte voller Zuversicht und Optimismus, obwohl mein weltlicher Besitz zu vernachlässigen war: 150 Pfund Sterling . . . ein paar Koffer voller Bücher . . . ein paar Kleider", schreibt sie in "Schritte im Schatten, Autobiographie 1949-62". In diese Zeit fällt aber auch Lessings Desillusionierung, was den Kommunismus betrifft. Als sich die Berichte über sowjetische Straflager häuften, kehrte sie entschlossen nicht nur der kommunistischen, sondern zeitlebens jeder Ideologie den Rücken. Ihre Kritik an denen, die sich weigern, Wahrheiten ins Gesicht zu sehen, stellte seither einen roten Faden in ihrem Werk dar.

Es war "Das goldene Notizbuch" (1962), das sie weltberühmt machte und den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung stärkte. Aber Doris Lessing hat sich ebenso wenig zur Feministin erklären lassen wie zur Science-Fiction-Autorin oder zur Kommunistin. Wer sich nach dem "Goldenen Notizbuch" konsequent feministische Positionen wünschte, wartete so vergeblich wie jene, die nach psychologisch komplexen Romanen wie "Martha Quest" (1952) und den Folgebänden der "Viertorigen Stadt", dem schmalen, aber großartigen Roman "Der Sommer vor der Dunkelheit" (1973) mit "Space Fiction" nichts anfangen konnten. Wer eine Entwicklung zu subtileren Charakteren und verknapptere Erzählanlagen erwartete, sah sich enttäuscht, weil die Autorin mit ihrem nächsten Experiment schon wieder anderswo unterwegs war, neugierig darauf zu erfahren, wie ihre Bücher rezipiert würden, wenn sie sie als Jane Somers statt als Doris Lessing veröffentlichte.