In ihren letzten Lebensjahrzehnten gehörte ihre Faszination dem Sufismus. Literarisch gelangen ihr, unternommen wiederum im Geiste des Experimentierens, auch spät noch beeindruckende Würfe, wie etwa "Alfred und Emily" (2008, deutsch 2009), in dem sie ihre realen Kindheitserinnerungen an beide Eltern mit einer erfundenen Version konfrontiert, wie es auch mit ihrer Mutter Emily und ihrem Vater Alfred weitergehen hätte können.

Wenn die tüchtige Krankenschwester Emily sich in England hätte entfalten können und der abenteuerlustige Alfred nicht durch ein im Ersten Weltkrieg verlorenes Bein an den großen Sprüngen seines Lebens gehindert worden wäre. Es ist im Rahmen dieser Phantasie, dass ihr eine späte Versöhnung mit der (in Wirklichkeit) lebenslang unglücklichen Mutter gelingt.

Dass der Horror des Krieges nicht nur das Lebensglück zweier Überlebender wie ihrer Eltern verhinderte, dass er Millionen Leben auslöschte, mit Konsequenzen für etliche nachgeborene Genera-tionen, auch das war ein Lebensthema. "Sehen Sie, wenn ich zu meinen Eltern gesagt hätte, in 50 Jahren ist das Empire nicht mehr, sie hätten mich nicht nur für verrückt, sondern für bösartig erklärt, und was ist? Nazi-Deutschland, Mussolini, die Sowjetunion, das British Empire, alles schien ewig und nichts ist geblieben. Jetzt schaut man auf Amerika. Es scheint absolut unzerstörbar, aber es ist es nicht. Niemand weiß, was kommt, aber wir reden immer, als ob wir die Kontrolle hätten . . . "

Mahnerin & Visionärin

Nicht selten in ihrem 94-jährigen Leben ist Doris Lessing ein hellsichtiger Blick auf die Dinge gelungen; ein Blick nach vorne, dessen Schärfe sich lebenslanger, (selbst-)kritischer Reflexion verdankt. "Wirklich bedeutsam sind die ökologischen Katastrophen, viel bedeutsamer als die Politik. Wir wissen, dass wir unwiederbringliche Ökosysteme und Ressourcen vernichten. Wir Menschen sind sehr unsorgsam, sehr zerstörerisch, sehr dumm. Wir hören einfach nicht auf damit . . . Und niemand weiß, was für eine Wirkung dies auf die Jugend hat."

Als sie 2007 den Nobelpreis erhielt, und diesen beispiellos cool und gelassen entgegennahm, wurde nicht nur eine literarische Chronistin des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet, sondern auch eine politische Mahnerin und Visionärin. "Irgendwann werden es mehr als jedes andere Thema die weltweiten Klimaflüchtlinge sein, die uns beschäftigen", sagte sie, als ich sie im Frühjahr 2007 ein weiteres Mal treffen konnte.

Zierlich, das weiße Haar im gewohnt strengen Mittelscheitel, mit jungen blauen Augen und einer energischen Stimme, denkt sie über große Themen, aber auch ihr eigenes langes Leben nach: "Ich bin mein Leben lang gereist, und an vielen Orten hat es mir gefallen, in der argentinischen Halbwüste oder im afrikanischen Busch. Anderes habe ich nie gesehen, Indien oder Südostasien, aber es geht mir gut so, es ist genug, wissen Sie?"

"Dies Haus bedeutet, endlich angekommen zu sein, und ich hoffe, es nur noch mit den Füßen voraus - so sagt man bei uns - zu verlassen." Am 17. November 2013, wenige Wochen nach dem Tod ihres Sohnes Peter, der meist bei ihr lebte, ist Doris Lessing gestorben. "Ich liebe es, auf einer Bank zu sitzen und zu beobachten", sagte sie bei unserer letzten Begegnung. "Ich bin eine Geschichtenerzählerin."

Das war sie - und viel mehr. Tatsächlich ist im gewaltigen Werk dieser "Nomadin im Herzen" auf selten erreichte Art fast ein Jahrhundert aufgehoben.