Die Faszination, die von Jack Kerouac ausgeht, hängt einerseits mit seinen enormen literarischen Leistungen und andererseits mit seiner Biografie zusammen. Sein Lebenslauf entspricht einer tragisch-romantischen Künstlerlegende: Ein wildes, kurzes Leben, ein genialer Dichter, Drogen, Frauen, Alkohol, Schlägereien, Mama-Bubi, zu Lebzeiten vom akademischen Establishment abgelehnt, vom Literaturbetrieb größtenteils belächelt, jedoch verehrt von einer jungen Generation, der er mit seinem Roman "On The Road" ihre "Bibel" geschenkt hat.

Mit diesem Buch im Rucksack machten sich Hundertausende, ja Millionen auf den Weg; "On The Road" war der Reisebegleiter der Jugendbewegung Ende der 50er Jahre und im Folgejahrzehnt.

Für alles offen

Wilder Drauflos-Stil: Der Beginn von Jack Kerouacs Roman "On The Road". - © Schneitter
Wilder Drauflos-Stil: Der Beginn von Jack Kerouacs Roman "On The Road". - © Schneitter

Jack Kerouac kam 1922 in Lowell, einer Provinzstadt in Massachusetts, zur Welt. Der Vater, Leo Kerouac, betrieb eine kleine Druckerei, die Mutter, Gabrielle, kümmerte sich um die fünfköpfige Familie und arbeitete, wenn das Geld knapp wurde, am Fließband in einer Schuhfabrik. Die Armut schweißte die Kerouacs zusammen. Mit neun Jahren starb Jacks älterer Bruder an Herzasthma, und dieser Schicksalsschlag belastete ihn sein Leben lang.

Jack war ein aufgeweckter, kluger Bub. Sie nannten ihn schon während der Schulzeit "Memory Babe", weil er über ein außergewöhnliches Gedächtnis verfügte. Durch sein Talent als Footballer erhielt er ein Stipendium an der renommierten Columbia University in New York City. Sein Studium währte aber nicht lange. Er brach sich schon im ersten Jahr ein Bein, zerstritt sich mit dem Trainer, verließ die Uni und heuerte für einige Monate als Matrose bei der Handelsmarine an (bei der Kriegsmarine lehnten sie ihn wegen schizo-psychotischer Züge ab).

Im Umfeld der Columbia lernte er zahlreiche Freunde kennen, die seinen weiteren Weg als Künstler stark beeinflussen sollten. Unter anderem die Dichter Allen Ginsberg ("Howl") und William S. Burroughs ("Naked Lunch"), mit denen er dann zu den drei Urvätern der Beat Generation werden sollte. Für Kerouac war zu dieser Zeit aber besonders die Begegnung und Freundschaft mit Neal Cassady aus Denver, Colorado, von entscheidender Bedeutung.

Neal Cassady war mit seinem obdachlosen Vater in den Straßen von Denver aufgewachsen, ein junger Kerl, strotzend vor Ener-gie, ruhe- und rastlos, für alles offen, dauernd auf der Suche nach Mädchen, die er flachlegen konnte. Der ideale Reisegefährte für Jack. Und so legten die beiden zu ihren Fahrten kreuz und quer durch die USA und Mexiko los, die Jack dann in "On The Road" beschrieb. In Neal sah Jack den neuen amerikanischen Helden (auch in Gedenken an seinen verstorbenen Bruder).