Frank Witzel, hier beim Erlanger Poetenfest 2017. - © Amrei-Marie/Wikimedia
Frank Witzel, hier beim Erlanger Poetenfest 2017. - © Amrei-Marie/Wikimedia

Zwei Monate Tagebuch schreiben, um eine Lebens- und Beziehungskrise zu bewältigen, um Ordnung ins Gedankenchaos zu bringen - das ist vermutlich nicht die schlechteste Idee. "Ich schreibe ein Datum hin und hoffe, dass das unter diesem Datum Aufgeschriebene und Gedachte das unter diesem Datum Gelebte transzendiert." Das ist in etwa die Definition eines "metaphysischen" Diariums, und in der Tat nimmt das Denken darin deutlich größeren Raum ein als die physische Welt, sprich: der Lebensalltag des Tagebuchschreibers. Das ist ein wenig schade, denn Frank Witzel, der 2015 für seinen im besten Sinne des Wortes "wahnsinnigen" Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, ist ein überaus feiner Beobachter seiner Umwelt, und man hätte gerne mehr solch feiner Miniaturen wie etwa über die regelmäßigen Schwimmbadbesuche gelesen.

Trotzdem fehlt es diesem Tagebuch nicht an Physis, denn Witzel seziert in seinen Eintragungen sehr genau das Zusammen- beziehungsweise Gegenspiel von Geist und Körper. "In Bahnen denken, in Bahnen schwimmen." Beim Bahnenziehen gilt die ganze Aufmerksamkeit dem Körper, der Leichtigkeit oder Schwere, mit der er durchs Wasser gleitet. Ähnlich ist es beim Denken. Mitunter geht es schwer voran, und ohne einschlägige Philosophiekenntnisse kann man als Leser kaum folgen.

Dann aber wieder gewinnt Witzels Schreibdenken eine Eleganz, die dieses Tagebuch zu einer Art kleinen Schule des Denkens macht. Eines Denkens, das nicht aus der Verwunderung, sondern aus der Verzweiflung über die Welt entsteht.

"Ich bräuchte Wittgenstein als Schwimmlehrer, der mir einen Ausweg aus dem Becken weist", heißt es schon an einer frühen Stelle in diesen Aufzeichnungen, doch am Ende lernt Frank Witzel etwas ganz anderes: in Bahnen zu denken und zu schwimmen, ohne Denken und Schwimmen von den Bahnen bestimmen zu lassen.