Daniel Kehlmanns Dramen wurden bisher vor allem am Theater in der Josefstadt aufgeführt. - © APAweb/dpa/Arne Dedert
Daniel Kehlmanns Dramen wurden bisher vor allem am Theater in der Josefstadt aufgeführt. - © APAweb/dpa/Arne Dedert

Er hat ein Faible für Mathematiker und Genies der Wissenschaft. Und doch versteht er sich darauf, die vermeintliche Ordnung des Daseins durch schriftstellerische Tricks zu brechen. Seit Anbeginn seines Schreibens wohnen in Daniel Kehlmann zwei Seelen: jene, die der akkuraten Ratio und jene, die der lustvollen Verzauberung zugeneigt ist. Mit diesen beiden Polen große Kunst zu vollbringen, hat er insbesondere von der lateinamerikanischen Literatur gelernt. Ob kultische Heilungen und Seeungeheuer in seinem zum spätmodernen Klassiker avancierten Roman "Die Vermessung der Welt" oder das geheime Treiben der Untoten und Toten in "Tyll" - Erzählen heißt für den 1975 geborenen Autor, die Löcher der Realität zu beleuchten.

Geister und Autoren

Doch gelingt ihm das im Drama auch so fabelhaft? Angesichts der neu erschienenen Zusammenstellung von vier seiner Bühnenstücke fällt das Urteil etwas durchwachsen aus. Klar ist zunächst einmal: Wo Kehlmann draufsteht, ist auch Kehlmann drin. Sowohl "Geister in Princeton" als auch "Der Mentor" stellen Intellektuelle ins Zentrum, die sich auf brüchigem Boden bewegen. Ersteres führt uns in die Psyche eines hyperintelligenten und von Geistern heimgesuchten Mathematikers, in Letzterem kollidieren auf groteske Weise die Eitelkeiten zweier Schreibkoryphäen miteinander.

Wirklichkeitserosionen, Situationskomik und skurrile Charakterzüge sind die Ingredienzien der Texte. Allerdings fehlt ihnen das Theatralische - Konflikte, Spannungen, Wendungen und noch wichtiger: Bewegendes sucht man in ihnen vergebens.

Anders verhält es sich bei den beiden weiteren Dramen. Vielleicht, weil sie durchaus unbekannte Facetten Kehlmanns präsentieren. Zum Beispiel dessen kafkaeske Seite. So nehmen wir in "Heilig Abend" an einem Verhör teil, das genauso gut im "Prozess"-Roman des Prager Autors stattfinden könnte. Denn unversehens findet sich Judith einem nahezu allwissenden Kommissar gegenüber, der jeden Schritt, jedes Telefonat ihres Lebens rekonstruieren kann, um sie als Attentäterin zu überführen.

Obgleich das vierte Werk, "Die Reise der Verlorenen", nicht ganz so offensichtlich wie dieses Albtraumgemälde einer Kontrollgesellschaft die Gegenwart thematisiert, erweist es sich als treffendes Spiegelbild des Hier und Heute. Beruhend auf wahren Begebenheiten, schildert das Stück die versuchte Flucht hunderter Juden vor den Nationalsozialisten nach Kuba. Da ihrem Schiff jedoch in letzter Minute das Anlegen versagt wird, muss der Kapitän umkehren. Nur wenige Passagiere werden schließlich von europäischen Staaten aufgenommen, viele landen letztlich in Konzentrationslagern.

Spürbare Realität

Der Präsident des Inselstaates argumentiert mit der Überforderung der Bevölkerung: "Sie meinen also, ich sollte tausend Menschen einfach so ins Land lassen? (...) Wissen Sie, wie viele Schiffe sich in Bewegung setzen, sobald ich das tue? Dann muss ich statt tausend zehntausend abweisen. Oder ich nehme die zehntausend, aber kommen dann nicht sofort die nächsten zehntausend?" Wer sich an das Jahr 2015 und die Diskussionen um die Aufnahme der Flüchtlinge erinnert, wird die Brisanz dieses bewegenden Dramas erkennen.

Souverän sind Kehlmanns Bühnentexte letztlich dort, wo die Realität spürbar und beklemmend wird. Mit der Prosa des Romanciers ist ihnen gemein, dass sie die Grenzen von Zeit und Raum überwinden und doch gedanklich immer in der Zeit ihrer Leser und Zuschauer verankert sind.