Nach acht Jahren legt der 1965 in Berlin geborene Jan Peter Bremer einen neuen Roman vor. - © Andreas Hornoff/Piper Verlag
Nach acht Jahren legt der 1965 in Berlin geborene Jan Peter Bremer einen neuen Roman vor. - © Andreas Hornoff/Piper Verlag

Dieses Buch ist ein literarisches Kammerspiel, eine Ehegroteske mit verbalem Gemetzel, ein Kunstwerk zwischen Michael Haneke und Thomas Bernhard. Jan Peter Bremer schreibt zumeist kurze Bücher - und mit 175 Seiten ist "Der junge Doktorand" sogar sein längstes Erzählwerk. Ganze acht Jahre hat er dafür gebraucht, den Nachfolger zu "Der amerikanische Investor" (2011) zu verfassen, seiner literarischen Abrechnung mit der Gentrifizierung in Berlin und dem Kunstmäzen und Immobilienhai Nicholas Berggruen im Besonderen.

In der Ehehölle

Die lange Wartezeit hat sich gelohnt: In "Der junge Doktorand" wird in jeder Zeile die Hölle der Ehe zwischen dem gescheiterten Maler Günter Greilach und seiner Frau Natascha mit den Mitteln der Sprache unerbittlich seziert. Beide wohnen in einer alten Mühle am Rande eines Provinznestes, wobei der Künstler sich von jeder Form sozialen Kontakts gänzlich zurückgezogen hat, während seine Gattin immerhin noch einige Freundschaften unterhält.

In diese öde, langweilige, ereignislose Provinzwelt bricht eine ungeheuerliche Nachricht ein: Der junge Doktorand, der dem Künstler seit rund zwei Jahren schon seinen Besuch angekündigt und dann immer wieder per Postkarte abgesagt hat, kommt endlich in die Mühle! Das löst bei allen Beteiligten die wildesten Phantasien und die höchsten Erwartungen aus: Natascha Greilach und ihre enge Freundin Jutta malen sich den Doktoranden mit offenkundig erotisch inspiriertem Impetus in den buntesten Farben aus und erhoffen aufregende Abwechslung. Günter Greilach wiederum steigert sich in die Vorstellung hinein, der junge Doktorand käme allein deshalb, um eine Dissertation über Greilachs Werk zu schreiben, wovon sich dieser - vom Kunstbetrieb bereits vergessen - die erhoffte Anerkennung verspricht.

Diese Konstellation weckt Erinnerungen an Thomas Bernhards satirisches Drama "Über allen Gipfeln ist Ruh", in dem der eitle Großschriftsteller Moritz Meister Besuch von einer Doktorandin bekommt - zumal Bremer virtuos (aber nicht so radikal wie Bernhard) mit monologischen Sprachschleifen spielt, in denen sich die Obsessionen und Denkmuster seiner Figuren spiegeln, die monomanisch nur um sich selbst kreisen und die Realität gar nicht mehr wahrnehmen. So entspricht der eigentlich gar nicht mehr junge Doktorand überhaupt nicht dem strahlenden Phantasiebild, das sich Natascha Greilach all die Jahre von ihm gemacht hat, während der Maler gar nicht mitbekommt, dass der Besucher nicht im Geringsten vorhat, eine Doktorarbeit über ihn zu verfassen.

Was sich aus diesem Zusammenprall der Lebenswelten und Rollenmuster ergibt, ist eine veritable Mischung aus Komödie und Tragödie, Humor und Bösartigkeit, die Bremer beständig und mit großem dramaturgischem Geschick ineinander übergehen lässt. Die Aufwallung der Gefühle und Erwartungen verstärkt den Ehekonflikt der Greilachs noch mehr und führt zu teils absurden Szenen. Bremer räumt aber auch der Perspektive des vermeintlichen Doktoranden sein Recht ein, und der gesamte, ihm von außen aufgedrängte Besuch entpuppt sich als eine kolossale Farce - währenddessen er vornehmlich Zigaretten dreht und auf sein Smartphone starrt.

Ein Kabinettstück

"Der junge Doktorand" ist ein literarisches Kabinettstück, das nicht nur als Hochzeitsgeschenk und Warnung für frisch vermählte Paare taugt, sondern darüber hinaus exemplarisch zeigt, wie leicht sich bei uns allen die Welt als selbstgemachte Einbildung konstituiert und wir andere Menschen mehr als Schablonen und Projektionsflächen denn als Individuen wahrnehmen. Ein Buch für alle also.