Die 1955 geborene, deutsche Schriftstellerin Dagmar Leupold macht es ihren Lesern diesmal nicht einfach. - © Volker Derlath
Die 1955 geborene, deutsche Schriftstellerin Dagmar Leupold macht es ihren Lesern diesmal nicht einfach. - © Volker Derlath

New York, eine Wohnung im 25. Stock: Von hier aus geht der Blick von Ich-Erzählerin Lavinia zurück durch Etappen ihres Lebens, eher assoziativ als chronologisch. Schon auf den ersten Seiten löst ein betrunkener Bettler eine Gedankenkette aus: "Wie die Versehrten einander gleichen... Auch das kleine, uralte syrische Kind an den Gestaden, im roten Fräcklein bäuchlings gestrandet. Kein Weidekörbchen, das es aufnähme, kein hohes Gras, das es schützte, keine Pharao-Tochter, die sich erbarmte. Heiße Zähren im World Wide Web, sein kalorienreicher Treibstoff."

Dass Dagmar Leupolds Roman durch seine Fülle an Anspielungen und Assoziationen sperrig zu lesen ist, könnte als das ihr eigene, von einem hohen Maß an Analyse begleitete Erzählen gelten. Problematisch aber ist, dass die Bilder der Kindheit am Rhein, des Studiums in Marburg, der großen verlorenen Liebe zu Hannes von einem Übermaß an Andeutung einerseits und Weltdeutung andererseits umgeben sind. Geheimniskrämerisch umschreibt die an einer New Yorker Uni arbeitende Dozentin ihre verstorbene große Liebe mit Minnesang-Verszeilen - statt von ihr zu erzählen. Den rüden Stoß eines Mannes, der sie am 11. September 2001 in einem sizilianischen Laden zu Sturz bringt, schließt sie befremdlicherweise mit den stürzenden Türmen des World Trade Center kurz.

Es gibt sie, die schönen Miniaturen, die klugen Gedanken. Die warmherzige ostpreußische Oma, deren Blick in nichts "verrät, dass sie die Welt hat untergehen sehen, in einer eisfreien Rinne des frischen Haffs". Das Schweigen der Verwandten über die Hitlerzeit, das man auch als "Erholungsangebot" für die "Kriegsverstörten auf beiden Seiten" lesen könnte, für Täter wie Opfer.

Leider aber wird Lavinia selbst, um die hier doch alles kreist, nur als Gedankenwesen lebendig, jedoch nicht als Figur in einem Beziehungsnetz. "Bitte nicht gelehrt sein", heißt es einmal - hätte sie es nur beherzigt. Hier weiß jemand zu viel und fragt zu wenig: auch sich selbst. Der gelehrte Habitus, das verrätselnde, verklausulierte Erzählen werden zur Falle des Buches.