Er ist bekannt als der Mann, der die Bestseller in die Tonne schmeißt: In seiner Literatursendung "Druckfrisch" (ARD, nächste Folge 3.11.) geht Denis Scheck nicht zimperlich mit Büchern um, die seinen Ansprüchen nicht gerecht werden. Nun hat er seinen eigenen Literaturkanon, also die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur, zusammengestellt - und es ist eine bunte Mischung, in der Fixstarter wie "Krieg und Frieden", "Ulysses" und "Madame Bovary" auf überraschende Einträge wie Agatha Christie, "Harry Potter" und die Peanuts treffen. Warum das so ist, erklärte Denis Scheck im Vorfeld einer Lesung im Rabenhof im Gespräch.

Denis Scheck kann mit Menschen, die gar nichts lesen, wenig anfangen. - © Guenther Schwering / laif / picturedesk.com
Denis Scheck kann mit Menschen, die gar nichts lesen, wenig anfangen. - © Guenther Schwering / laif / picturedesk.com

"Wiener Zeitung": Ich habe von den 100 Büchern Ihres Kanons 48 gelesen. Ist das Gespräch jetzt gleich wieder beendet oder ist das eh ein guter Schnitt?

Denis Scheck: Das ist bestimmt ein sehr guter Schnitt, es wäre ja völlig sinnlos, wenn Sie 100 Prozent mit mir kongruent sind. Wir Literaturkritiker sind ja auch dazu da, unseren Lesern Hinweise zu geben, auf Leseschätze, die noch ungehoben sind, Lektüreabenteuer, die noch vor ihnen liegen. Selbst wenn man nur fünf Prozent oder gar keins der Bücher gelesen hat, wäre ja vielleicht Schecks Kanon die ideale Einstiegsdroge.

Wie kommt man heutzutage überhaupt auf die Idee, so einen Kanon aufzustellen?

Ein Kanon ist aus der Zeit gefallen, aber wenn man genau ist, ist das Zeitgemäße das schiere Gegenteil eines Kanons, denn der Kanon will ja gerade das bewahren, was nicht Trends und Tendenzen unserer Gegenwart unterliegt. Das Zeitgemäße und der Kanon stehen in einem Spannungsfeld. Ich will aber gleich vorausschicken: Auch ich weiß, dass die einzigen Institutionen, die die Macht haben, zu kanonisieren, die Zeit und die Gesellschaft, in der wir leben, nicht einzelne Kritiker. Ich kann lediglich einen Vorschlag machen.

Je später man dran ist mit so einem Kanon, desto schwieriger wird’s. Man muss ja sehr viel mehr auslassen, als man reinbekommt...

Ja natürlich, das ist ja das Schöne beim Kanonspiel. Die Schönheit und die Grausamkeit. Das erinnert mich an eine alte, auch sehr grausame Überlegung, die jedes Kind macht: Wenn dein Haus in Flammen steht, wen würdest du retten? Deine Schwester, deine Oma, deine Mutter oder deinen Hund? Mich schmerzte es zum Beispiel enorm, dass ich auf Robert Musil verzichten musste. Aber wenn ich im 21. Jahrhundert ankommen möchte und wenn ich überdies einen wilden Kanon vorlegen möchte, der Genregrenzen überschreitet, der auch Platz bietet für Science Fiction, Fantasy und Kriminalromane, ja sogar Comics, und der insbesondere den in der Vergangenheit viel zu wenig gewürdigten Anteil der Frauen in der Weltliteratur berücksichtigt, dann müssen einige der berühmten DWEMs, der dead white European males, weichen. Ich bin gerade in Zürich und da ist es ja noch viel schlimmer, dass ich weder Max Frisch noch Friedrich Dürrenmatt drinhabe. Dass ich die Stadt lebend verlassen kann, steht noch nicht fest.