Für die einen war es die Sommerfrische - für die anderen das Grauen im Paradies. Es gibt Bücher, bei denen es sich lohnt, genau zwischen den Zeilen zu lesen. Denn dort können sich Geschichten verbergen, die die Handlung potenzieren.

Der aktuelle Provence-Krimi "Madame le Commissaire und der tote Liebhaber" von Pierre Martin ist ein solches Buch. Kommissarin Isabelle Bonnet ermittelt in einem Mordfall, der sich im Mittelmeerort Sanary-sur-Mer ereignet, und stößt dabei auf die Geschichte von Exil und Vertreibung; denn zwischen 1933 und 1945 lebten in "Sanary-les-Allemands" zahlreiche deutschsprachige Literaten, die hofften, dem langen Arm der Nationalsozialisten entkommen zu sein. Die Kommissarin will mehr über diese Zeit wissen. Im Gegensatz zu ihrem Vorgesetzten Capitaine Morel, der für diesen ganzen Exilantenhype nicht viel übrig hat. Für ihn sind die Versprengten nur Hungerleider, Kommunisten, Homosexuelle, Drogenabhängige und Sexsüchtige, auf die die Sanaryens angeblich nicht gut zu sprechen waren. Eine Geschichte in der Geschichte - und eine reale noch dazu.

Ihre Protagonisten haben die Vergangenheit Sanarys maßgeblich geprägt. Zu ihnen gehörten so klangvolle Namen wie Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion und Marta Feuchtwanger, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Heinrich, Thomas, Katia, Erika und Klaus Mann und Stefan Zweig, um nur einige zu nennen. Genau 68 Namen befinden sich auf einer Gedenktafel auf dem Fremdenverkehrsamt von Sanary.

Atemberaubender Blick

In Sanary-sur-Mer hat sich längst ein Exil-Tourismus etabliert, der tatsächlich nicht alle Einwohner begeistert. Zumindest nicht jene, die in den Häusern leben, die einst von den "Dichterfürsten" bewohnt wurden. Denn immer wieder kommt es vor, dass Feuchtwangerianer an der herrschaftlichen Villa Valmer, die sich heute in Privatbesitz befindet, klingeln, um durch die Gemächer des Objektes ihres Interesses zu wandeln. Auch in der Villa Tranquille, in der die Mann-Familie lebte, ist die Aufdringlichkeit mitunter groß. Dabei handelt es sich bei diesem Gebäude nicht mehr um das Original, das von der deutschen Wehrmacht wegen seiner exponierten Lage mit Meerblick gesprengt wurde, sondern um einen schlecht gelungenen Nachbau.

Die Nazis rechneten mit einer Landung der Alliierten an diesem Abschnitt und stellten dort ein Flugabwehrgeschütz auf. Aber allein die Tatsache, dass der Erschaffer des "Zauberbergs" an dieser Stelle Quartier bezogen hatte, erzeugt magnetisierende Kräfte bei der Mann-Anhängerschaft. Und wer wandelt nicht gerne auf dem Chemin de la Colline, jenem Weg mit atemberaubendem Blick auf das Meer, den die Manns sicherlich häufig hinab in den Ort gegangen sind?