Nicht weniger als sechs literarische Zeitschriften haben ihren Redaktionssitz in Graz, allen voran die "manuskripte", in denen Peter Handke, Elfriede Jelinek, Gerhard Roth und viele andere des österreichischen Literaturkanons ihre ersten Veröffentlichungen verzeichneten. In der Kreisky-Ära durfte der großformatige "Sterz" in keiner engagierten Studenten-WG fehlen; später kamen an der Mur die "Lichtungen", "Perspektive", "schreibkraft" und die Wandzeitschrift "Ausreißer" dazu.

Cover der Jubiläumsausgabe 160
Cover der Jubiläumsausgabe 160

Die spannendste Entwicklung unter all diesen Publikationen hat vermutlich die 1979 gegründete Zeitschrift "Lichtungen" durchgemacht: Aus dem Aschenputtel eines Literaturmagazins von regionaler Bedeutung verwandelte sich das Heft vor knapp zwei Jahrzehnten in eine weltläufige Grand Dame, die in ihrem Salon Literatinnen und Literaten aus ganz Europa und darüber hinaus empfängt. So etwa stand in den vergangenen vier Ausgaben Literatur aus Griechenland, Südtirol, Tschechien und dem frankophonen Kongo im Zentrum der jeweils rund 120 Seiten starken Hefte.

Nicht selten sind es die Grazer Stadtschreiber, welche die internationalen Seiten in den "Lichtungen" einfädeln - darunter etwa der Kongolese Fiston Mawanza Mujila, der mit seinem Romandebüt "Tram 83" international für Aufsehen sorgte, oder die tschechische Autorin Radka Denemarková, die 2017/18 am Grazer Schlossberg wirkte. Eng mit den "Lichtungen" verbunden und mit dem langjährigen Herausgeber Markus Jaroschka befreundet ist auch der aus Sarajevo stammende Schriftsteller Dževad Karahasan, der während der Bosnienkriege im Exil in Graz lebte.

Polyglotte Ausrichtung

Die Internationalisierung der vordem rein regional ausgerichteten "Lichtungen" begann im Jahr 2000. Damals knüpfte man Kontakte zu Literaturzeitschriften in europäischen Städten von Temeswar bis Glasgow und veröffentlichte Texte aus diesen Städten.

Das Jahr 2003, als Graz europäische Kulturhauptstadt war, bestärkte die Redaktion in ihrem polyglotten Tun. In den Jahren danach wurde der Fokus etwas breiter angelegt - weg von einzelnen Städten, hin zu literarischen Erkundungen nationaler Literaturen europäischer, aber auch außereuropäischer Länder. Texte aus Argentinien, den USA, Mexiko, China, Japan, Australien und Neuseeland bildeten bereits Heftschwerpunkte.

"Die ‚Lichtungen‘ versuchen damit, ihren Lesern Einblicke in fremde Literaturen zu bieten und Schriftstellern aus anderen Ländern Übersetzungsmöglichkeiten ins Deutsche zu bieten", heißt es im Leitbild der Zeitschrift. Bei den europäischen Ländern lenkt die Redaktion den Blick gerne auf seltener beachtete literarische Gegenden, wie unter anderem Finnland, Montenegro oder die Republik Moldau. "Welche internationalen Schwerpunkte wir machen, hängt auch immer davon ab, welche uns von engagierten Übersetzern und Kulturvermittlern angeboten werden", sagt die neue Herausgeberin Andrea Stift-Laube.

Politischer & frecher

Bei allem internationalen Anspruch ist die "Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik", wie sie sich im Untertitel nennt, ziemlich geerdet geblieben. Mit programmatischen oder kämpferischen Ansagen hielt sich die Redaktion traditionell zurück. Das könnte sich aber ändern: "In Zukunft wollen die ‚Lichtungen‘ politischer, frecher und experimentierfreudiger werden", kündigt Stift-Laube an.

Das kommende 40-Jahre-Jubiläumsheft Nr. 160 widmet sich in einem Schwerpunkt denn auch den unverblümt politischen Texten der Internet-Literaturplattform "Nazis & Goldmund". Außerdem sind ab der Ausgabe 160 zwei neue Rubriken vorgesehen: Clemens J. Setz wird regelmäßig "Poesie an unvermuteten Stellen" aufstöbern, und in der Rubrik "Abspann" reflektieren Autoren die Erzählweisen in TV-Serien.

"In Zukunft wollen die ‚Lichtungen‘ politischer, frecher und experimentierfreudiger werden", sagt die neue Herausgeberin Andrea Stift-Laube. - © wiki commons Danni DiPen
"In Zukunft wollen die ‚Lichtungen‘ politischer, frecher und experimentierfreudiger werden", sagt die neue Herausgeberin Andrea Stift-Laube. - © wiki commons Danni DiPen

Die Ausgabe 160 wird am 5. November im Literaturhaus Graz vorgestellt. Das Layout wurde zum 40. Geburtstag sanft modernisiert, das langjährige A4-Format etwas verkleinert. Die grundsätzliche inhaltliche Aufteilung behalten Herausgeberin Andrea Stift-Laube und das achtköpfige Redaktionsteam aber bei. Neben Literatur aller Gattungen und zeitkritischen Essays bildet der Kunstteil in der Heftmitte weiterhin das optische Rückgrat des Magazins. Dieser zeigt in Heft 160 eine Arbeit der Konzeptkünstlerin Nicole Pruckermayr.

Ein unverändertes Anliegen der Redaktion ist es auch, Literatur abseits des Mainstreams zu präsentieren und stets ein offenes Ohr für Newcomer zu haben. Clemens J. Setz, Gerhild Steinbuch und Valerie Fritsch zählen zu den mittlerweile prominenten Autoren, die in den "Lichtungen" erste literarische Gehversuche unternahmen. Sie und viele andere sorgen mit ihren Beiträgen für konstant frischen Wind in den "Lichtungen".