Als Jugoslawien unterging, war der Dichter Ivo Andrić bereits seit etlichen Jahren tot. Ein gnädiges Schicksal hatte den herausragendsten Literaten des Landes davor bewahrt, das blutige Ende des Staates miterleben zu müssen, dem er sein Leben lang, als Citoy-en und Diplomat, nicht nur dienstbar, sondern auch in leidenschaftlicher Überzeugung zugetan war.

Der 1892 in Travnik als kroatischer Bosnier geborene Autor, der 1961 als bisher einziger südslawischer Schriftsteller mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, bestätigt durch seine Lebens-, vor allem aber auch durch seine Wirkungsgeschichte die Brüchigkeit des Konzepts eines Vielvölkerstaats auf dem Balkan, an dem er durch viele Fährnisse, Verrenkungen und Entmutigungen festgehalten hatte. Noch immer geht der Streit um seine Zugehörigkeit. Der Kroate, der sich früh den Serben anschloss, schrieb über Bosnien, die Herkunftswelt seiner Eltern. Geistig, ideell, wurde er ein europäischer Autor, dessen Werk weltliterarischen Rang erreicht hat. Das irritiert die Nationalisten auf dem Balkan, mehr denn je.

In seiner viel beachteten Erzählung "Brief aus dem Jahr 1920" hat Ivo Andrić in den Dreißigerjahren das bittere Schicksal Bosniens in einem überaus sinnfälligen Bild deutlich gemacht. In der bosnischen Hauptstadt Sarajewo gingen damals die Kirchturmuhren ihren eigenen Gang. Da schlug auch nachts zuerst die Glocke der katholischen Kathedrale an, gefolgt von der leiseren Stimme der Turmuhr der Orthodoxen, um schließlich von der fernen Glocke am Turm der Beg-Moschee mit eigenmächtigem Zeitmaß korrigiert zu werden. Indes, von einer Seite drang kein auftrumpfender Laut in die Stille: "Die Juden haben keine Uhr, die schlägt, und Gott allein weiß, wie spät es bei ihnen ist, wie spät nach der Zeitrechnung der Sepharden und nach derjenigen der Aschkenasen. So lebt auch noch nachts, wenn alle schlafen, der Unterschied fort, im Zählen der verlorenen Stunden dieser späten Zeit."

Es ist ein verlorener Sohn Bosniens, der jüdische Arzt Max Löwenfeld, dem Andrić die bitterste Diagnose des unversöhnlichen Glaubenskriegs in seiner Heimat in den Mund gelegt hat. Löwenfeld beklagt "ein Land der Angst und des Hasses", in dem selbst nachts die Turmuhren den eigensinnig verrückten Pendelschlag eines "eingeborenen, unbewussten, endemischen Hasses" skandieren. Ernüchtert hat der Doktor einst Bosnien verlassen; im bitteren Rückblick schreibt er, der später im Spanischen Bürgerkrieg umkommen sollte: "Dieses zurückgebliebene arme Land, in dem Menschen von vier verschiedenen Konfessionen zusammengedrängt leben, bedarf viel mehr gegenseitiger Toleranz als andere Länder. In Bosnien ist aber das allgemeine Missverständnis, das zeitweise in offenen Hass übergeht, gewissermaßen das allgemein gültige Charakteristikum seiner Einwohner. Die Abgründe zwischen den verschiedenen Konfessionen sind so tief, dass es nur dem Hass manchmal gelingt, sie zu überspringen."