Die weitsichtige Diagnose, die Andrić damals seinem jüdischen Protagonisten in den Mund legte, wurde zu Ende des Jahrhunderts auf blutigste Weise bestätigt. In seiner schaffensreichsten Zeit während des Zweiten Weltkriegs hat Andrić die Perspektive auf die schwelende Geschichtskrise des Balkans in seinen Meisterwerken "Wesire und Konsuln", "Das Fräulein" und "Die Brücke über die Drina" vielschichtig erweitert.

Erfahrungen aus der eigenen Kindheit und Jugend vibrieren da unüberhörbar in einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der bosnischen Geschichte, die vier Jahrhunderte lang von der Willkürherrschaft der Osmanen geprägt und zuletzt im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gleichfalls nicht selbstbestimmt war.

Vielschichtig erweist sich auch die Lebensgeschichte Ivo Andrićs, die sein Biograph Michael Martens nun erstmals detailliert nachgezeichnet hat. Geboren noch als Untertan des Sultans der Osmanen, wurde der sechzehnjährige Andrić 1908 Staatsbürger Österreich-Ungarns. Noch als Gymnasiast hatte er sich in Sarajewo der antihabsburgischen Widerstandsbewegung "Junges Bos-nien" angeschlossen, der auch jener Gavrilo Princip angehörte, der 1914 das Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand verübte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs interniert, verfasste der Autor in österreichischen Gefängnissen sein lyrisches Jugendwerk "Ex ponto", das skizzenhaft das Urmotiv seiner Darstellungskunst, den Zusammenfall der Gegensätze, vorwegnimmt.

In Graz promovierte er 1924 - auf Deutsch, mit einer Arbeit über "Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft" - sie blieb Andrićs einzige islamkritische Schrift. Damals begann im Königreich Jugoslawien, dem neu geschaffenen Balkanstaat der "Südslawen", die diplomatische Karriere des Dichters, die seinem Leben eine derart außergewöhnliche Ereignisfülle verschaffte, dass ein gewiefter Biograph wie der Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Balkankenner Martens sie erst in siebenjähriger Forschungs- und Archivarbeit skrupulös zu durchleuchten vermochte.

Diplomatischer Dienst

Sein voluminöses Buch ist denn auch weit mehr als eine fesselnd erzählte Dichterbiographie geworden. Ebenso kenntnisreich wie spannend entwirft der Biograph ein Panorama der verwickelten Geschichte der jugoslawischen Konföderation im 20. Jahrhundert, in dessen Mittelpunkt sich der hochrangige Missionschef Andrić, der vorübergehend auch stellvertretender Außenminister seines Landes war, in den dramatischen Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen mit äußerstem diplomatischem Geschick schlangengleich zu bewegen wusste.

Sein Werdegang als Gesandter führte Andrić über Posten in Triest, Genf, Marseille, Paris, Brüssel, Rom, Bukarest, Graz und Madrid bis nach Berlin, wo er am
19. April 1939 Hitler sein Beglaubigungsschreiben als "außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister an der königlichen Gesandtschaft Jugoslawiens" zu überreichen hatte. Bis 1941 blieb er auf dem politisch heikelsten Posten seines Lebens.