In diesem Zeitabschnitt bewähren sich denn auch Kenntnisreichtum und Darstellungskunst des politischen Berichterstatters Martens am glänzendsten. Mit großem diplomatischem Geschick und politischer Wendigkeit hat Andrić in Berlin versucht, sein Land aus dem Krieg herauszuhalten. Eben hatte Mussolini Alba-nien überfallen, da passte die Neutralität Jugoslawiens noch gut in Hitlers Konzept. Nachdem jedoch der italienische Verbündete sich auch Griechenland einzuverleiben suchte und dabei dringend der Hilfe seiner deutschen Verbündeten bedurfte, vermochte Andrić den Beitritt seines Landes zum Dreimächtepakt - und damit die Unterwerfung unter das "deutsche Joch", wie er es hinter vorgehaltener Hand gegenüber dem rumänischen Kollegen beklagte - nicht mehr zu verhindern.

Als schließlich im Frühjahr 1941 serbische Generäle in Belgrad durch einen Putsch an die Macht gelangten, riss Hitler der Geduldsfaden: Mit dem Bombardement der Hauptstadt begann er auch hier seinen Krieg. Die Friedensmission des Gesandten Andrić war gescheitert.

Ganz Schriftsteller

Der letzte königliche Botschafter Jugoslawiens in Berlin schlug sich Anfang Mai 1941 auf abenteuerlichen Wegen nach Belgrad durch, um dort fortan sein Leben nur noch als Schriftsteller zu führen. In seinen großen epischen Werken, die nun in rascher Folge entstehen, wird, wie er es selber beschrieb, "vom grässlichen Fatalismus der Geschichte erzählt".

In seiner Laufbahn als Diplomat hat es Andrić durchgängig verstanden, sich äußerst geschickt alle Türen offen zu lassen. Bravourös vermochte er zwischen der Skylla der Überanpassung und der Charybdis des Gesichtsverlusts zu navigieren. Allenfalls fand er eine klammheimliche Möglichkeit, gelenkig ins Unverbindliche auszuweichen. Man mag das Opportunismus nennen, aber das meiste davon gehört schlichtweg zum Berufsbild der Diplomatie. "Es geht nicht darum, alles zu sagen, was man denkt; hauptsächlich wichtig ist, nicht das zu sagen, was man nicht denkt", bekundete er gegenüber dem Schriftstellerkollegen Dobrica Cosic einmal seine berufliche Lebensmaxime.

Ein soignierter Herr, sorgfältig in feines Tuch gekleidet, würdevoll, zurückgezogen: So tritt uns der Dichter und Diplomat auf überlieferten Fotografien aus seiner Zeit in Titos Jugoslawien entgegen. Bis zu seinem Tod 1975 verhielt er sich auch dort weiterhin angepasst: Hauptsache Jugoslawien, der Staat des ethnischen Ausgleichs, an den er glaubte, blieb bestehen.

"Richtig dazugehört hat er nie", konstatiert Martens zusammenfassend. Der Biograph hat etliches vom inneren Zwiespalt, den Andrićs Persönlichkeit stets gründlich vor der Öffentlichkeit zu verbergen wusste, enthüllt. Das Gesamtbild eines großartigen Erzählers und über die Maßen disziplinierten politischen Akteurs hat durch die Untersuchung von Michael Martens erheblich an Tiefenschärfe gewonnen.