Nichts ist unmöglich in den Romanen von Salman Rushdie - und so verwundert es nicht, dass er in seinem neuesten Buch gleich mehrmals das "Anything goes" unserer Tage postuliert. Der Titel "Quichotte" ist natürlich Programm. Cervantes Roman "Don Quijote de la Mancha" dient Rushdie als Bezugsrahmen für eine Geschichte, die das Geschichten- schreiben selbst zum Thema macht.

Der fiktive Schriftsteller in Rushdies Buch, auch Bruder genannt, schreibt mäßige Spionageromane und ist der wirkliche Erfinder von Quichotte, der Hauptfigur des Buches. Hinter beiden versteckt sich zudem der Schriftsteller Salman Rushdie. Dabei lassen sich zwei Handlungsebenen im Roman auseinanderhalten: hier Quichotte, der sich auf die Reise macht, dort sein Erfinder, der Schriftsteller Bruder, dessen Gedanken Wirklichkeit werden und dessen eigenes Leben romanhafte Züge trägt. Quichotte ist ein durchschnittlicher Pharmareferent, der mit seinem Sohn Sancho die USA durchquert. Ziel der Reise ist es, Quichottes Angebetete, die Fernsehtalkkönigin Miss Salma R., aufzustöbern. Auch diese Fährte führt zu Cervantes und der innig geliebten Dulcinea.

Rushdies exzentrisch veranlagte Salma leidet unter Bipolarität, und auch sein Roman steckt voller manisch-depressiver Verrücktheiten, ist teils jauchzend vergnügt, teils bitterböse und dann wieder schmerzlich realistisch, hier Allegorie auf die Gegenwart, dort bunte Pulp Fiction. Die Reise von Quichotte und seinem Sohn orientiert sich an der Dramaturgie einer Heldenreise, wie man sie unter anderem aus mittelalterlichen Romanen wie etwa Cervantes "Don Quijote" kennt, aber auch aus Computerspielen.

In einer Mischung aus Abenteuerroman und Road-Novel peitscht Rushdie die Handlung voran. Die beschränkt sich wie so oft bei diesem Autor nicht auf einen Kontinent, sondern führt in die für des Autors Leben prägenden drei Länder: Indien, Großbritannien und Amerika.

Wie schon in seinem Vorgängerroman "Golden House" spielt das Heimweh nach Bombay eine erhebliche Rolle. Den Indern in der Diaspora und der Frage, was einen richtigen von einem falschen Inder unterscheidet, widmet Rushdie in seinem neuen Buch einige Gedanken. Innerhalb des Romans fallen sie auf fruchtbaren Boden, nehmen doch, wie ebenfalls schon in "Golden House", identitätspolitische Fragen breiten Raum ein. Wie könnte es auch anders sein bei einem Roman, der sich dezidiert mit der Gegenwart auseinandersetzt. Im Fall von "Quichotte" betrifft das die Vereinigten Staaten unter Donald Trump (Stichwort: weiße Vorherrschaft) ebenso wie die allerorten auftrumpfenden nationalen Bewegungen sowie alle gängigen Fragen rund um das Spannungsfeld Migration und Fremdenhass. Diesmal dient der realpolitische Überbau Rushdie aber weniger zur Analyse unserer Gegenwart als mehr dem Spiel mit den Realitäten der Fiktion und der Literaturgeschichte.