Manchmal hat die Diplomatin Mira Weidner das Gefühl, das falsche Leben zu leben oder am Leben vorbei zu leben, manchmal kommen ihr all die Jahre im Dienst der Vereinten Nationen "wie eine Hochstapelei vor, ein Spiel, in dem ich eine falsche Position eingenommen hatte und endlich glaubte ich zu verstehen, warum ich so unsagbar erschöpft war".

Mira ist Anfang dreißig, eine desillusionierte, aber keineswegs traurige Zynikerin, die nach Sta-tionen in New York und in Burundi für die Vereinten Nationen im Genfer Büro arbeitet. Sie weiß, dass man sich als UN-Mitarbeiter von niemandem abhängig machen darf, weder beruflich noch privat. Sie hat Affären, aber "hätte mir jemand gesagt, dass er mich liebte, hätte ich ihn ausgelacht, denn was will man mit solchen Worten, aber ein Geruch, das ist es, worin wir Glück fassen können".

Diplomatenleben

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika hat sie dieses Glück erlebt und viel Elend gesehen. Sie hat mit anderen Expats - vor allem Diplomaten und Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen und deren frustrierten Frauen - am Swimmingpool Pfälzer Wein getrunken und mit einem einheimischen Politiker namens Aimé, einem mächtigen Mann von zweifelhafter Moral, gegrilltes Steak verspeist und versucht, im Sinne der UN auf ihn einzuwirken. Wie so oft vergeblich.

"Die Fortschritte, die wir zu sehen meinen, sind nur die Folie, die wir selbst über das Land legen, und wo sie nicht passt, übermalen wir die Flächen und Flecken. Am Ende kommt ein Lackmustest heraus, und jeder erkennt darin, was er will: die einen Demokratie, die anderen Leichen, die dritten ein paar Flusspferde. Gott schütze unsere Blicke."

Nora Bossongs neuer Roman "Schutzzone" ist ein hochkomplexes und intellektuell anregendes Werk, das für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert war und zu Recht andere Auszeichnungen erhielt. Die Autorin muss einen immensen Rechercheaufwand betrieben haben. "Schutzzone" beschreibt die Jahre zwischen 1994, als die achtjährige Mira während der Scheidung ihrer Eltern ein paar Monate bei Pflegeeltern und deren Sohn Milan in Bonn verbringt, und Miras Arbeit bis 2018. Milans Vater ist Diplomat in x-ter Generation und in der Welt unterwegs, durch ihn kommt Mira auf die Idee, selbst Weltretterin zu werden. Es ist eine zersplitterte Existenz, immer auf dem Sprung, was Nora Bos-song wie selbstverständlich in der Struktur ihres Romans spiegelt.

Unter den Schlagwörtern "Frieden", "Wahrheit", "Gerechtigkeit", "Versöhnung" und "Übergang" (zur Demokratie), die in der UN-Arbeit allgegenwärtig sind und deren Bedeutung in der realen Welt von langjährigen Mitarbeitern wie Mira hinterfragt wird, springt Bossong zwischen Raum und Zeit, ohne den Leser damit in Verwirrung zu stürzen.

Wir treffen Miras Kollegen, Liebhaber und flüchtige Bekannte zwischen dem Genfer See und Burundis damaliger Hauptstadt Bujumbura, und auch prägnante Beschreibungen von Stadt- und Naturlandschaften sind Teil von Miras hellsichtiger Wahrnehmung. Ihre Erzählstimme wendet sich an Milan, dem sie in Genf zufällig wiederbegegnet. Sie beginnt eine Affäre mit ihm, der ihre Welt so gut kennt.

Politik und Moral

Es ist bewundernswert, wie virtuos die Lyrikerin und Romanautorin Bossong manchmal innerhalb weniger Sätze zwischen privater, politischer und gesellschaftlicher Ebene wechselt - und wie sie nebenbei wichtige, zeitlose Fragen etwa zu Moral, Lebensführung und zur Politik im Großen und Kleinen stellt.

Tagsüber schreibt Mira Berichte, abends hetzt sie über die Flure der großen Genfer Hotels und versucht, zwischen Staatsvertretern zu vermitteln. Mira ist mit den Verhandlungen im Zypern-Konflikt betraut, fragt sich jedoch, woher ausgerechnet sie wissen soll, wie man aus der vertrackten Situation herauskommt. Welche Position ist die richtige? Was ist Wahrheit? Inwiefern ist Hilfe beziehungsweise Einmischung von außen überhaupt wünschenswert? Machen sich UN-Mitarbeiter etwas vor, um ihren Lebensstil zu rechtfertigen und ihr Helfersyndrom auszuleben?

Ein Funken Hoffnung bleibt Mira, denn sie ist überzeugt: Auch wenn die Vereinten Nationen nicht immer helfen können, ohne sie wäre alles noch schlimmer.