Auf der letzten Seite bedankt sich Dirk Stermann unter anderem auch bei T. C. Boyle. Das hätte er besser nicht getan. Unweigerlich denkt man, dass Boyle es vielleicht schaffen würde, das Leben des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856) in die Form eines ironischen historischen Romans zu kleiden, der seinen eigenen Ansprüchen und denen des Lesers gerecht wird.

Dirk Stermann, 1965 in Duisburg geboren, seit 1988 in Österreich lebend und als Moderator und Kabarettist bekannt, hat mehrere Romane und Erzählungen vorgelegt. "Der Junge bekommt das Gute zuletzt" war stilistisch ambitioniert, und selten gibt es so wundervolle traurige Bücher voller Lachen.

Im "Hammer" versucht sich Stermann an einem historischen Roman. Ein großer Teil der deutschsprachigen Feuilletons war voll des Lobes. Doch der Roman verursacht ein flaues Gefühl, sofern man ihn nicht allein auf die Handlung hin liest, die sich als buntes Kaleidoskop zwischen Wien und dem Orient entwickelt.

In Wien wird in allen Winkeln der Stadt Notdurft beiderlei Art verrichtet, was detailfreudig beschrieben wird. Und während sich Stermann in der Schilderung von Dreck und übelriechenden Ausdünstungen ergeht, sehnt sich der Leser nach Patrick Süskinds "Parfum", wo solche Szenen auch sprachlich bewältigt sind. Übrigens stinkt London nicht minder und ist eine "missratene Nachgeburt der Schöpfung". Die Neugier des Lesers, wie dort wohl die Notdurftverrichtung vonstattengeht, bleibt unbefriedigt.

Sobald die Handlung vom Schmutz wegblendet, wird die Sprache dürftig. "Jassy trug wie Rom den Beinamen Stadt der sieben Hügel, hatte aber darüber hinaus nichts, was einen Vergleich mit Rom zuließ. Der Tiber hieß hier Bahlui und war ein kleiner Nebenfluss der Jijia." - Sätze dieser Art finden sich zuhauf. Man fragt sich, ob sie stilistische Fehlleistungen sind (Bahlui ist keine arabische Übersetzung für Tiber) oder der absichtlich saloppen Erzählhaltung entspringen. Zu ihr passen freilich schlicht verblose stilistische Anstrengungen wie "Eingemauerte Zeit. Alte Luft. Der Nachhall fernster Vergangenheit." Wenigstens reimt es sich.

Die unglücklichste Idee Stermanns war, einen Helden zu wählen, den er nicht mag. Sein Hammer-Purgstall ist von Ehrgeiz zerfressen, ein kleiner Mann, der groß sein will und sein Leben in unzähligen Episoden verzettelt, die Stermann alle detailreich auserzählt: Hammer-Purgstall erlebt die Französische Revolution, die Napoleonischen Kriege, den Wiener Kongress und die Revolution von 1848. Er führt mit dem fast tauben Beethoven eine Schrei-Unterhaltung und korrespondiert mit Goethe. Obendrein hat er Mundgeruch - dass der Leser nur ja keine Sympathie mit der Hauptfigur entwickelt.

Doch wozu die ganze 450-Seiten Anstrengung? - Ein unsympathischer Held ist eine der größten Herausforderungen, denen sich ein Autor stellen kann. Dirk Stermann hat sie nicht bewältigt. Da weder eine Interpretation der Gestalten noch der Zeit stattfindet: Alles nur, um einen dem Bewusstsein ohnedies weitestgehend entschwundenen Gelehrten als jämmerliche Figur zu entlarven?

Was bleibt, ist ein Schmöker für den Strand. Immerhin.