Der grundlegende Fehler steht im "L" des Buchdeckels: "Roman". Andererseits - welche Bezeichnung wäre die richtige für Mircea Cartarescus "Solenoid"? Wie etwas bezeichnen, wofür das Wort fehlt? Auf 900 Seiten sprengt der rumänische Autor alle Vorstellungen davon, was man bisher für erzählerisch möglich gehalten hat.

Das grandiose Monstrum nimmt den Leser mit auf eine psychedelische Reise samt Horrortrips. "Fluss ohne Ufer" von Hans Henny Jahnn, ähnlich ausschweifend, Grenzen sprengend und die erzählerische Ekstase mit dem Abscheulichen verbindend, kommt in den Sinn - nicht nur des Titels wegen. Ein Vergleich wäre eine reizvolle literaturwissenschaftliche Aufgabe.

Mircea Cartarescu, am 1. Juni 1956 in Bukarest geboren, gilt als bedeutendster Autor Rumäniens und als einer der wenigen Schriftsteller der Gegenwart mit Weltgeltung. Seit der "Orbitor"-Trilogie ("Die Wissenden", "Der Körper", "Die Flügel") wird er zu Recht als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Wann er die Auszeichnung erhält, scheint nach "Solenoid" nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

In dem Buch geht es um - schon stockt man. Gewiss, man kann den roten Handlungsfaden nacherzählen (also doch ein Roman?). Das ginge dann in etwa so: Der namenlose Ich-Erzähler, der in einigen Details ein Alter Ego Cartarescus ist, hat, nach einer unglücklichen Kindheit und Jugend, eine Anstellung als Lehrer an der miefigen Allgemeinschule Nr. 86 in Bukarest, in der Kinder in erster Linie schikaniert und erst in zweiter Linie unterrichtet werden. Schon früh hat er eine Art Scribomanie entwickelt: Er schreibt unterschiedslos Wichtiges wie Unwichtiges auf. Am 24. Oktober 1977 trägt der Ich-Erzähler in einem Literaturkreis an der Universität sein erstes eigenes Werk vor, das Poem "Der Niedergang". Die Veranstaltung endet als Fiasko.

Der Erzähler zieht um in ein schiffsförmiges Haus - hat er das Haus gesucht, oder das Haus ihn? Im Keller des Hauses hat dessen Vorbesitzer, ein Erfinder, einen Solenoid installiert, eine Magnetspule, die Heilkräfte entwickeln soll, tatsächlich aber zur Levitation führt, weshalb der Erzähler zwischen Bett und Zimmerdecke schläft. Über ganz Bukarest sind sechs dieser Solenoide verteilt. Am Schluss werden sie die Stadt aus ihrer irdischen Verankerung lösen und in den Himmel steigen lassen.

Der Ich-Erzähler will die in seinem Kopf existierenden Gegen- und Parallelwelten schreibend realisieren. Allerdings ist er ein unzuverlässiger Chronist auch seiner selbst, der sich in labyrinthischen Gedankenwelten verliert. So mag er die Realität Bukarests noch so sehr mit dokumentarfilmerischer Genauigkeit schildern - die Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit ist dann letzten Endes doch "zweideutig und irrelevant". Jeden Moment kann denn auch die Fantasie den Alltag mit Abscheulichkeiten und Ekel überschreiben.