Die Binsenweisheit, dass Qualität vor Quantität geht, sie gilt insbesondere in der Literatur. Unter den österreichischen Gegenwartsautoren trifft sie auf niemanden mehr zu als auf Christoph Ransmayr. Mit "Cox oder Der Lauf der Zeit" legte er 2016 wieder einmal ein beeindruckendes Erzählwerk vor, dem auf jeder Seite, in jedem Satz anzumerken war, dass es als Sprachkunstwerk mit derselben künstlerischen Sorgfalt angefertigt wurde wie die komplexen Uhrwerke, von denen der Roman erzählt. Zu Recht dafür gewürdigt wurde sein literarisches Können durch drei Preise, die Ransmayr von 2017 bis 2018 verliehen bekam: Neben dem Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt erhielt er den renommierten Würth-Preis für Europäische Literatur sowie den Kleist-Preis.

Solche Auszeichnungen bringen zunächst einmal Ehre und Geld; wobei Letzteres in Zeiten sinkender Auflagen für viele Schriftsteller weniger Luxus als Existenznotwendigkeit ist. Literaturpreise bedeuten aber auch kleine Demütigungen, denn der Geehrte muss sich bei den Stiftern der Preissumme bedanken. Und zwar durch eine Rede. Die drei Reden, die Ransmayr für das Trio der Literaturpreise für "Cox" gehalten hat, liegen nun gesammelt unter dem Titel "Arznei gegen die Sterblichkeit. Drei Geschichten zum Dank" vor. Erschienen sind sie in der Reihe kleiner Schriften, in welcher der Fischer-Verlag in schöner Unregelmäßigkeit kürzere Texte seines Hausautors vorlegt.

Dreimal Dank sagen

Die drei Ansprachen sind zwar alle bereits in österreichischen und deutschen Zeitungen erschienen. Es handelt sich allerdings nicht um Reden im konventionellen Sinne: Vielmehr trägt Ransmayr, seinem Metier getreu, Geschichten vor, erzählende Berichte aus seinen Reisen und seiner Biografie. Um diese Geschichten miteinander zu verbinden, hat er sich eine Kunstfigur erschaffen, nämlich den Narbenmann, einen Urzeitmenschen, der am Feuer sitzend seinen Stammesgenossen mündlich erzählt. Der kulturanthropologische Urgrund der Literatur also: Während die anderen Stammesmitglieder jagen, sammeln, bauen oder kämpfen, um so ihren Anteil am Gemeinschaftsleben zu leisten, steuert der Narbenmann seine Geschichten bei. Oder wie Ransmayr schreibt: "Der Brückenschlag von den Dingen und Gestalten des Lebens über den Abgrund der Sprachlosigkeit hinweg in das Reich der Laute, des Flüsterns, des Schreiens und der Worte." Was er zu berichten weiß, sind die drei Geschichten aus "Arznei gegen die Sterblichkeit".

Am wenigsten interessant unter ihnen ist jene, die Ransmayr Ende November 2017 bei der Verleihung des Fleißer-Preises erzählt hat: Anknüpfend an Fleißers Romantitel "Eine Zierde für den Verein" erzählt er eine Anekdote seines Komplettversagens als jugendlicher Fußballspieler, der aus Ungeschicktheit in der Verteidigung ein Eigentor schießt, das sich als entscheidender Siegestreffer für den Gegner erweist. Was wiederum der zornige Trainer mit dem ironischen Vernichtungsurteil kommentiert, das aus dem Buchtitel stammt.

Ungleich spannender ist die erste Geschichte, anlässlich des Würth-Preises im Mai 2018: Sie handelt von einer Expedition zu den Gorillas im ostafrikanischen Grenzgebiet des Ruwenzori-Gebirges. Die Reise liefert den Impuls, über die massenmörderischen Folgen des europäischen Kolonialismus in Afrika nachzudenken.

Europa wird in Ransmayrs historischem Rückblick kenntlich als Hort der Barbarei, weshalb er der gegenwärtigen europäischen Literatur die Rolle zuweist, sich mit den Mitteln der Kunst dafür einzusetzen, den bis heute andauernden Folgen des Kolonialismus durch Toleranz und kulturellen Brückenbau zu begegnen.

Wie bei Kleist

Die faszinierendste Geschichte des Bandes aber ist jene, welche Ransmayr anlässlich des Kleist-Preises zu berichten weiß. Es ist die Geschichte seines Vaters; mehr noch, es handelt sich um eine geradezu unglaubliche Begebenheit, die außerordentliche Korrespondenzen zu Kleists Erzählung "Michael Kohlhaas" aufweist. Worin diese bestehen, sei hier nicht verraten, denn wie in der Lebensgeschichte von Karl Richard Ransmayr die Grenzen zwischen Literatur und Leben verschwimmen und wie sein Sohn Christoph Ransmayr dies erzählt, das sollte wirklich jeder selbst nachlesen.