Wer ist Hans Widrich, der Peter Handkes serbischen Reisepass mit Zustimmung des Autors der Österreichischen Nationalbibliothek übergeben hatte? Welche Rolle spielt Widrich in einem Roman Handkes?

Handkes Leben und Schaffen hat auch andere Facetten als jene, die jetzt auf die Waagschale gelegt werden. Wir müssen nur in die frühen 1980er Jahre zurückblicken. Damals war Hans Widrich Pressesprecher der Salzburger Festspiele. Er setzte sich dafür ein, dass zeitgenössische Schriftsteller beauftragt werden: Thomas Bernhard, Rolf Hochhuth und - Peter Handke, den er seit Jugendzeiten kannte. Beide stammen aus Griffen in Kärnten, gingen in das katholisch-humanistische Gymnasium Tanzenberg. Als Widrich eine Schülerzeitung gründete, kam der um sechs Jahre jüngere Handke zu ihm und bat um die Veröffentlichung eines Beitrags. Widrich lehnte ab, denn Handkes Text war so lang, dass aus der Schülerzeitung ein Buch geworden wäre. Später meinte Widrich, es tue ihm leid, dass er "die erste literarische Veröffentlichung Peter Handkes" verhindert habe.

Station in Salzburg

Wie kam Handke 1979 nach Salzburg, wo er bis 1987 bleiben sollte? "Seine Ehe mit der Schauspielerin Libgart Schwarz war längst gescheitert", berichtet Widrich, "Vater und Mutter wechselten sich zunächst in der Betreuung der gemeinsamen Tochter Amina ab, dann übernahm Peter die Verantwortung. Es war seine schwerste Zeit, eine Lebenskrise." Handke habe angerufen und gesagt, er wolle aus Paris, wo er seit 1971 lebte, nach Österreich zurück. Amina war in Frankreich aufgewachsen und lebte einige Jahre in Deutschland. "Peter wollte, dass sie in Österreich in ein Gymnasium geht und hier Deutsch lernt. Es gelang uns, dass sie trotz schwacher Deutschkenntnisse in eine Salzburger Schule aufgenommen wurde, und Peter mietete sich im Kupelwieser Schlössl in einem Nebentrakt ein, der gerade frei war", so Widrich. Amina und Widrichs Tochter Mechtild waren gleich alt - ein Glücksfall für Handke.

In dieser Zeit verfasste Handke "Der Chinese des Schmerzes". Es ist die Geschichte von Andreas Loser, einem Lehrer an einer Schule in Salzburg-Lehen. Loser lebt getrennt von seiner Frau und seinen Kindern. Er, der sich bisher als "Betrachter" verstanden hat, stößt einen Passanten nieder und unterrichtet daraufhin nicht mehr. Auf dem Weg zur Tarockrunde am Mönchsberg bemerkt er einen Hakenkreuz-Sprayer. Er wirft einen Stein auf den Sprayer, tötet ihn und stößt die Leiche den Mönchsberg hinunter. An der Tarockpartie nimmt Loser dennoch teil, als ob nichts geschehen wäre. Er spielt mit einem Priester, einem jüngeren Politiker, einem Maler und dem Hausherrn. Loser ist nun nicht mehr nur der "Betrachter", sondern hat eine eigene Geschichte. Aus Loser, im wörtlichen Sinn ein "Hörer", ist ein "Werfer" geworden.

In einem Beitrag für das Buch "Die Kulturgeschichte des Tarockspiels", erschienen im Verlag "Edition Atelier", habe ich die realen Personen der Tarockrunden rekonstruiert. Neben dem Hausherrn und Handke waren dies: Prälat Johannes Neuhardt, in Handkes Roman der Priester, und Hofrat Peter Mittermayr, Präsidialchef der Salzburger Landesregierung, im Buch der junge Politiker. Vorlage für den Maler war Lucas Suppin, berühmt für seine aus der Farbe resultierende abstrakte Malerei. "In der Realität war Suppin zwar oft da, aber er hat nicht Tarock gespielt", erzählt Widrich im Interview für die "Tarock-Kulturgeschichte". "Er war für die Kinder eine Art Ersatzgroßvater." In den realen Tarockrunden in Widrichs Schlössl am Mönchsberg spielte nicht Suppin, sondern der Germanist und Schriftsteller Adolf Haslinger.

Hakenkreuz-Schmierereien hatte es damals am Mönchsberg tatsächlich gegeben "Peter hat sie entdeckt und war erschüttert", berichtet Widrich. "Später ist er mit den Kindern Amina und Mechtild noch einmal hingegangen, er hat das Hakenkreuz auf dem Boden mit grauer Farbe übermalt, aber das hat nichts gefruchtet - das Hakenkreuz war weiterhin zu sehen. Außerdem gab es auch Hakenkreuze an den Baumstämmen, diese konnte er beseitigen."

Der Roman hat viele Aussagen. Manch ein Leser hat vielleicht damit gerechnet, dass die Hauptfigur Loser - nach dem Muster von Dostojewskis "Schuld und Sühne" - keine Ruhe mehr findet und ein Geständnis ablegt. Dem ist aber nicht so. Loser richtet sich durch die Tat auf, ohne Sühne.

Das Thema des "erlaubten Mordes" dürfte Handke schon von jungen Jahren an beschäftigt haben. Was kaum jemand weiß: Peter Handke hat Dostojewskis "Schuld und Sühne" Mitte der 1960er Jahre für die Radio-Reihe "Der dramatisierte Sonntagsroman" bearbeitet. Ich war damals 13 oder 14 Jahre alt, bin bei jeder Folge wie gebannt vor dem Radioapparat gesessen. In "Schuld und Sühne" ist das Opfer eine alte Wucherin, in "Der Chinese des Schmerzes" ein Hakenkreuz-Sprayer.