Er plädierte für die Freiheit des Individuums, die ihm nur durch die Nichtanpassung an Institutionen wie die Kirche oder die Ehe realisierbar zu sein schien. Der Sinn des Lebens und die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen sind auch die Themen, die seine Prosa, seine Dramen und seine Tagebücher durchziehen.

Mit seinem unermüdlich nach Selbstverwirklichung strebenden Denken prägte André Gide das geistige Leben des 20. Jahrhunderts in entscheidendem Maße mit. Vor 150 Jahren, am 22. November 1869, wurde der Schriftsteller, der heute als Klassiker der französischen Literatur gilt, der in seinen Büchern mit meisterhaft knapper und einprägsamer Sprache existenzielle Probleme behandelt, in Paris geboren.

Nachdem sein Vater, der aus katholischer Familie stammte und einen Lehrstuhl für Römisches Recht an der Juristischen Fakultät von Paris innehatte, 1880 früh verstorben war, lag die puritanische Erziehung des einzigen Sohnes in den Händen von dessen Witwe, einer strengen Frau, die von ihrer eigenen Mutter in einem unbeugsamen calvinistischen Geist erzogen worden war. Die strenge Erziehung, die André Gide von ihrer Seite erfuhr und in der er rückblickend nur "Finsternis, Hässlichkeit und Heimtücke" sah, sollte später in seinem literarischen Werk, in dem sich die Angst vor einem Sündenfall und die Suche nach Glück oft gegenüberstehen, immer wieder ihren Nachklang finden.

Kreis der Symbolisten

Vom Zwang zur Erwerbsarbeit durch das Familienvermögen befreit, verfolgte André Gide nach der Schulzeit sofort das Ziel, Schriftsteller zu werden. Zwar war sein 1891 auf eigene Kosten veröffentlichtes erstes Buch "Les Cahiers d’André Walter" (Die Tagebücher des André Walter) - in dem er in Form eines postum aufgefundenen Tagebuchs den Weg des jungen André Walter nach der gescheiterten Liebe zu einer Frau in den Wahnsinn beschreibt - kein kommerzieller Erfolg, brachte ihm aber den Kontakt zum wichtigen Zirkel der symbolistischen Autoren in Paris ein. Mit Stéphane Mallarmé stand er fortan ebenso in Kontakt wie mit anderen berühmten Literaten seiner Zeit, etwa mit Henri de Régnier, Maurice Barrès, Maurice Maeterlinck oder Oscar Wilde.

Seiner Homosexualität war sich André Gide schon früh bewusst. Oft ging er mit Freunden auf Reisen, so etwa 1893/94 und 1895 nach Nordafrika, wo er sich leidenschaftlich seinen homosexuellen Neigungen hingab und auch wieder mit Oscar Wilde zusammentraf, den er schon 1891 kennengelernt hatte. Nach dem Tod seiner bestimmenden Mutter heiratete Gide 1895 seine Cousine Madeleine Rondeaux und reiste auch mit ihr durch Europa und Afrika. Die "Scheinheirat" mit der Verwandten hatte er schon lange ins Auge gefasst. Obwohl die Beziehung scheiterte, nachdem er 1917 ein Verhältnis mit seinem zukünftigen Sekretär - dem später bekannten Filmregisseur Marc Allégret - eingegangen war, blieb das Paar, das fortan meist getrennt lebte, bis zum Tode Madeleines im Jahr 1938 verheiratet. Die Beziehung mit Madeleine Rondeaux bezeichnete Gide später als "die verborgene Tragödie" seines Lebens.