In seinem Traktat "Corydon" - 1911 zuerst erschienen und 1920 als Privatdruck und dann 1924 komplett unter Nennung des Autors -, in dem er die fiktionale literarische Form des Dialogs mit nichtfiktionalen Inhalten verquickt, machte Gide seine Homosexualität öffentlich und bekannte sich auch zur präferierten Knabenliebe.

Glück in jeder Form

André Gide im Porträt des Malers Leopold Gottlieb. - © Archiv
André Gide im Porträt des Malers Leopold Gottlieb. - © Archiv

1897 veröffentlichte er "Les nourritures terrestres" (Uns nährt die Erde), eines seiner bekanntesten Werke, an dem er seit seiner ersten Afrikareise gearbeitet hatte. Darin weist er jegliche Unterwerfung unter gesellschaftliche Normen zurück, verneint den Gegensatz von Gut und Böse und verherrlicht das Streben nach Sinnenlust, rauschhaften Genuss und Lebensglück in jeder Form. Das formal in einer Mischung aus Lyrik und hymnischer Prosa verfasste Buch ist eine Art hedonistische Programmschrift, die sofort nach ihrem Erscheinen einen großen Einfluss auf die Jugend ausübte und ihm Gefolgschaft unter der jungen Literaten- und Künstlergeneration sicherte. Diese epochemachende Schrift lieferte auch das Lebensmotto, dem Gide ein Leben lang folgte: "Denken und trotzdem glücklich sein."

Seinen literarischen Ruhm errang André Gide - der sich als Verfasser von Erzählungen, Romanen, Dramen, Gedichten, Tagebuchaufzeichnungen, Reisebeschreibungen, Übersetzungen und Essays als Meister fast aller literarischer Formen präsentierte - vor allem als Tagebuchschreiber. Was viele Schriftstellerkollegen und Leser seiner Zeit faszinierte, war die geradezu atemberaubend aufrichtige Selbsterforschung in diesen autobiografischen Schriften. Zwischen Proteststürmen und hymnischer Begeisterung lag die Aufnahme seiner Tagebücher "Stirb und werde", von "Et nunc manet in te" oder "Intimes Tagebuch", die ihm schließlich die große Bewunderung sowie literarischen Ruhm brachten und ein wichtiges Zeugnis für das zeitgenössische literarische Frankreich wurden.

"Ich weiß im Übrigen, wie sehr ich mir damit schade, dies und alles Folgende zu erzählen; ich sehe voraus, wie man es gegen mich wird verwenden können. Aber mein Bericht hat nur Sinn, wenn er der Wahrheit entspricht", schrieb Gide in dem 1920 erschienenen Band "Stirb und Werde" programmatisch. Die Singularität von Gides Tagebuchwerk hob der Literaturwissenschafter Hans Mayer hervor: "Die Tagebücher Thomas Manns und Kafkas und Musils sind notwendig, um das epische Werk entstehen zu machen. Das Tagebuch André Gides hingegen, ist das Werk selbst. Nicht allein, weil Gide jedes Moment seines Erlebens durch Menschen, Landschaften, Kunstwerke und Bücher zu nutzen wußte für die literarische Arbeit, hinter welcher alles andere zurückzutreten hatte. (...) Gide schrieb sein Tagebuch von früh auf mit dem Ziel, dies von Tag zu Tag Niedergeschriebene so zu redigieren, daß es unmittelbar als sprachliches Kunstwerk veröffentlicht werden konnte."