Auch im Großteil seines erzählenden literarischen Werkes ist das Tagebuch als Darstellungsmittel allgegenwärtig. Mit Büchern wie "Der Immoralist" (1902), "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" (1907), "Die enge Pforte" (1909) und "Die Schule der Frauen" (1929) - um nur einige der bekannteren zu nennen - erregte er regelmäßig das Interesse der literarischen Öffentlichkeit.

Werk der Moderne

Als bahnbrechendes Werk der Moderne gilt der 1925 erschienene Roman "Die Falschmünzer" - das einzige Erzählwerk, das Gide selbst als "Roman" bezeichnet hat -, in dem er eine Gruppe junger Pariser Gymnasiasten beschreibt, die der Scheinwelt der Elternhäuser entfliehen und eigene Wege auf dem Gebiet der Moral, der Kunst, der Erotik beschreiten wollen. Sein mit mehr als einer Million gedruckten Exemplaren und rund 50 Übersetzungen zu Lebzeiten zahlenmäßig erfolgreichstes Werk wurde "Die Pastoralsymphonie" (1919), die Geschichte eines Pastors, der ein blindes Waisenmädchen bei sich aufnimmt, sich in sie verliebt, sie aber am Ende an seinen Sohn verliert.

Als Herausgeber der Zeitschrift "La Nouvelle Revue Française", die bald zur wichtigsten Literaturzeitschrift Frankreichs wurde, entwickelte sich Gide ab 1909 zu einem tonangebenden Literaten seiner Zeit, zu einer Art Literaturpapst, der das literarische Leben im Land in den nächsten Jahrzehnten maßgeblich mitbestimmte und dessen Ruhm von Jahr zu Jahr wuchs. Durch die Modernität seiner Prosa zog er jüngere, kommende französische Autoren wie Albert Camus oder Jean-Paul Sartre ebenso in seinen Bann wie Klaus Mann, der mit seinem im amerikanischen Exil 1943 veröffentlichten Buch "André Gide und die Krise des modernen Denkens" sein erster deutscher Biograph werden sollte und in ihm den paradigmatischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts sah.

Gides vorübergehende Sympathien für den Kommunismus - 1932 war er der kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten - endeten 1936 nach einem desillusionierenden Aufenthalt in der Sowjetunion. Die Normierung und Entmündigung des Menschen durch die kommunistische Ideologie waren nichts für jemanden wie Gide, der unter den bürgerlichen Konventionen gelitten und sie gesprengt hatte und der unter Emanzipation immer die Emanzipation des Individuums, das Lebensglück des Einzelnen verstand.

Von UdSSR enttäuscht

Im schmalen Band "Zurück aus Sowjetrussland" (1936) rechnete Gide, der noch im Juni 1935 als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des in Paris tagenden Kongresses zur Verteidigung der Kultur vehement für die Sowjetunion eingetreten war, dann auch ohne Rücksicht auf sich selbst in strenger Analyse des Gesehenen mit seinem zeitweiligen Irrtum ab: "Ich kam als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern, und man versuchte mich mit all den Vorteilen und Privilegien zu gewinnen, die ich an der alten Weltordnung verabscheue."

1947 wurde André Gide für sein, so die Begründung des Nobelpreis-Komitees, "umfassendes, künstlerisch bedeutendes Werk, in dem menschliche Probleme und Verhältnisse mit unerschrockener Wahrheitsliebe und scharfem psychologischem Blick dargestellt werden", mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. 1951 starb Gide in Paris. Im Jahr nach seinem Tod wurden die Werke des Autors, der sich zeit seines Lebens für das Recht des Individuums auf Verwirklichung seiner Persönlichkeit eingesetzt hatte, von der katholischen Kirche auf den Index verbotener Bücher gesetzt. In einem offiziösen Artikel des "Osservatore Romano" wurde der Bann damit begründet, dass Gide, obwohl "von der Geburt bis zum Tode innerhalb des Christentums lebend", sich doch immer als "vollbewusster Christenfeind" verhalten habe.