Wenn zwei Alphatiere des Literaturbetriebs aufeinandertreffen, wäre es fast ein Wunder, würden sich ihre Schilderungen dieser Begegnung nicht gehörig unterscheiden. Gut, als Günter Grass und Marcel Ranicki (der damals seinen Geburtsnamen Reich abgelegt hatte, das klinge zu deutsch und erinnere an das Dritte Reich, befand er, als er als polnischer Konsul in London wirkte) 1958 in Warschau Bekanntschaft miteinander machten, standen beide erst am Beginn ihrer bemerkenswerten Karrieren: Der eine, Grass, sollte noch im gleichen Jahr auf der Tagung der "Gruppe 47" im Allgäu mit einer Lesung aus der "Blechtrommel" zum neuen Star der deutschen Nachkriegsliteratur werden; der andere, der fortan den Doppelnamen Reich-Ranicki führte, übersiedelte ebenfalls 1958 nach Westdeutschland, wo er zunächst als freier Kritiker für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" arbeitete und später dann zum Leiter des Literaturessorts wurde.

Erste Begegnung

In ihren Erinnerungen an ihre erste Begegnung in der Lobby eines Warschauer Hotels, die über den gemeinsamen Bekannten Andrzej Wirth vermittelt wurde, beharrten die beiden später jedenfalls auf kleinen, aber feinen Unterschieden. Grass zufolge hatte Wirth ihm gegenüber erklärt, Ranicki habe ihn, Wirth, später empört angerufen und gewarnt: "Pass auf! Das ist kein deutscher Schriftsteller. Das ist ein bulgarischer Agent."

Der Kritiker hingegen wies die Grass’sche Version mit Nachdruck zurück und erklärte, er habe Wirth zwar angerufen, zu diesem aber gesagt, in der Hotelhalle sei beim besten Willen niemand zu finden gewesen, der wie ein deutscher Schriftsteller gewirkt habe: "Der einzige Mann, der da saß, hat nicht wie ein Schriftsteller aus dem Wirtschaftswunderland ausgesehen, sondern wie ein ehemaliger bulgarischer Partisan, der jetzt in Sofia als Sportfunktionär tätig ist und den man nach Warschau geschickt hat, um irgendeinen Länderkampf zu vereinbaren."

Das Verhältnis der beiden, so scheint es, hatte von Anfang an etwas von einem Duell. Wobei Grass und Reich-Ranicki natürlich auf unterschiedlichen Feldern kämpften: der eine als gefeierter Schriftsteller und moralisch-politische Instanz, der andere als wohl bedeutendster Literaturkritiker der Republik, dessen Namen selbst Menschen kannten, die sich für Literatur im Grunde nicht interessierten.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Auseinandersetzung 1995. Grass hatte mit viel Aplomb auch vonseiten seines Verlages "Ein weites Feld" vorgelegt, das schon vorab als "Jahrhundertroman" gefeiert wurde. Reich-Ranicki hingegen fand, wie meist bei Grass (den er im Grunde nur als Lyriker schätzte), kaum Gutes an diesem Werk.

Aber dieses Mal schrieb er nicht nur einen Verriss: Jetzt wurde der Verriss zum Ereignis. Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" "reißt ein aufgebrachter Marcel Reich-Ranicki den Grass-Roman in zwei Hälften - eine Fotomontage. Die Titelzeile: ‚Mein lieber Günter Grass...‘, darunter: ‚Marcel Reich-Ranicki über das Scheitern eines großen Schriftstellers‘." Es war eine Vernichtung in Form eines offenen Briefes. Dem Verkauf des Buches tat das freilich keinen Abbruch.

Volker Weidermann schildert dieses jahrzehntelange Duell zwischen Autor und Kritiker auf eindringliche Weise. Sein Buch braucht etwas, bis es in die Gänge kommt, weil es sich zunächst recht brav an den Biografien der beiden Opponenten entlanghangelt. Doch mit dem ersten Zusammentreffen 1958 gewinnt seine Darstellung deutlich an Fahrt und Intensität.

Zweimal Größenwahn

Mag sein, dass er den Kritiker nachsichtiger und verständnisvoller behandelt als den Autor, dass er den Größenwahn des Großschriftstellers stärker (und negativer) herausstellt als den des Literaturpapstes und dass er leider auf grundsätzlichere Erörterungen zum Verhältnis von Literatur und Kritik verzichtet. Trotzdem ist Weidermann wieder, wie schon in seinen früheren Büchern "Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft" oder in "Träumer - Als die Dichter die Macht übernahmen", ein ausgezeichnet erzähltes Stück Literaturgeschichte gelungen.

"Es gibt Ehen, die werden auf keinem Standesamt besiegelt und auch von keinem Scheidungsrichter getrennt", hatte Grass einmal über ihr beider Verhältnis geschrieben. "Ich werde ihn nicht los, er wird mich nicht los." Erst der Tod - Marcel Reich Ranicki starb 2013, Günter Grass zwei Jahre später - hat sie geschieden.