Lesen, also das Eintauchen in einen neuen Roman, hat ja nicht wenig vom Aufbruch in eine neue, unbekannte Welt, nämlich einen fremdem Erzählkosmos. Deswegen sind gerade Geschichten, die davon erzählen, wie einer sich aufmacht, die Heimat zu verlassen, um fortzugehen und ein Abenteuer zu erleben, ein paradigmatischer Topos allen Erzählens. Gerade auch in der österreichischen Literatur ist es seit dem 19. Jahrhundert immer wieder darum gegangen, das eigene, zunehmend kleiner und enger werdende Land zu verlassen. Exemplarisch dafür stehen beispielsweise die Amerikabücher von Autoren wie Peter Handke oder Gerhard Roth.

Welt-Erforscher

Aus der Enge der Tiroler Bergwelt wiederum hat sich Raoul Schrott freigeschrieben durch eine mittlerweile beachtliche Zahl an Welteroberungs- und Welterforschungsbüchern. Resultate seiner literarischen Weltfahrerei sind sein Erzähldebüt "Finis Terrae" (1995), in dem es um den Kontrast von antiker und moderner Sicht auf die Entdeckung Afrikas geht, während "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde" (2003) zu ergründen versucht, was es bedeutet, am einsamsten, entlegensten Ort der Welt zu sein. Gleich ins Kosmische erweitert sich dann die Perspektive im "Erste Erde Epos" (2016), dem opus magnum Schrotts.

Das neue Erzählwerk fügt sich nahtlos in die Kartografie seines bisherigen Œuvres, denn "Eine Geschichte des Windes" erzählt eine zunächst ganz traditionell anhebende Seefahrergeschichte von einem, der aufbrach, um die Welt zu umrunden, dann aber - wie es eben geht, ist erst einmal die Verbindung zur heimatlichen Sesshaftigkeit abgerissen - noch zweimal den ganzen Globus durchmisst. Das verrät bereits der barockisierende Untertitel: "Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal".

Besagter Kanonier ist jener Hans aus Aachen, der vor rund 500 Jahren mit der Flotte Ferdinand Magellans in Richtung der ostindischen Gewürzinseln aufbricht. Schrott lässt ihn allerhand Abenteuer erleben: Meutereien, Schiffbrüche, Skorbut und Kannibalismus, um nur die wichtigsten Begebenheiten zu erwähnen. Zwar gerät Schrott angesichts solcher Eskapaden immer wieder ins wilde Fabulieren, doch sein Roman über eine Nebenfigur der Weltgeschichte basiert zugleich auf einem genauen Quellenstudium. Die Erdung im Authentischen sorgt für die historische Verankerung der Erzählung, was freilich auch etwas Didaktisches an sich hat.

Darüber, ob Schrott die Melange aus Dichtung und Wahrheit, Dokumentation und Erfindung geglückt ist, kann und darf man geteilter Meinung sein. Dennoch lohnt "Eine Geschichte des Windes" eine genauere Beschäftigung, denn auch in formaler Hinsicht hat der Triler Autor einen faszinierenden Roman vorgelegt. Das betrifft nicht nur die neobarocke Sprache, in der er von den Abenteuern des Kanoniers erzählt, sondern auch das Buch selbst: Es ist ein großformatiges Liebhaberstück, ausgestattet mit hochwertigem, rau geschnittenem Papier, wunderschön illustriert mit einer Weltkarte im Vorsatz und geprägtem Einband. Was für eine Freude, ein so schönes Buch in Händen zu halten!

Zugleich erinnert es auch daran, wie standardisiert unsere Buchkultur, aber ebenso unser Leben geworden ist: Abenteuer, wie die des Kanoniers, gibt es nicht mehr. Dafür aber haben wir wenigstens noch die Literatur von Raoul Schrott.