In Matthias Nawrats "Der traurige Gast" lässt sich der namenlose Erzähler durch Berlin treiben. Es ist der Winter des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche. Im Spiegel des Todes und in einer Atmosphäre konkreter Angst und allgemeiner Unsicherheit begegnet er Menschen, die meisten sind "Gastarbeiter", die dem Weltschmerz nicht unbedingt aus dem Weg gehen. Viele stammen aus Polen, wie der Erzähler selbst, der als Alter Ego des Autors auftritt.

Während seiner melancholischen Streifzüge trifft der Enddreißiger unter anderem einen Chirurgen, der nun an einer Tankstelle arbeitet, und eine Architektin, die kaum ihre Wohnung verlässt. Insbesondere die Gespräche mit ihr, aber auch Unterhaltungen mit einem Studienfreund, mit Passanten und Verkäuferinnen inspirieren den Erzähler zu Gedanken über Literatur und Kunst, Verlust und Tod, Herkunft, Exil, Wohnen und Ankommen im Kosmos Berlin. Lange Gespräche und Alltagsszenen wechseln mit Selbstbefragungen. Daraus entströmt das Lebensgefühl eines ständigen Provisoriums einer migrantisch geprägten Szene der Stadt.