Tommy Orange, selbst Mitglied der Cheyenne und der Arapaho, schildert das Leben heutiger nordamerikanischer Indianer. - © Larry D. Moore
Tommy Orange, selbst Mitglied der Cheyenne und der Arapaho, schildert das Leben heutiger nordamerikanischer Indianer. - © Larry D. Moore

Als Jacquie Red Feather vom Stamm der Cheyenne eine Jugendliche und ihre sechs Jahre jüngere Halbschwester Opal Victoria ein Kind war, hatte ihre Mutter sie mitgenommen auf die Insel Alcatraz, wo eine Gruppe aus verschiedenen indianischen First Nations das Gefängnis besetzte. "Wir fahren zu unseren Verwandten", hatte die Mutter gesagt, und sie hatten in Zellen gewohnt, bis sie auch von dort wieder vertrieben wurden. "Wir sind wieder belogen worden", meinte die Mutter noch, die in diesem Jahr 1970 bald darauf an Krebs starb und die Töchter bei einem wiederum gefährlichen Stiefvater zurückließ.

Es ist harter Stoff, den der 37-jährige Tommy Orange, selbst Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes, in seinem Debütroman "Dort dort" vermittelt. An knapp zwanzig Figuren, deren Schicksale im kalifornischen Oakland miteinander verwoben sind, unternimmt Orange eine Art erzählerische Tiefenbohrung in den Lebensalltag heutiger amerikanischer Indianer. Urban Indians - längst von der Stadt "neu erschaffen", längst dabei, sich die Städte zu eigen zu machen.

Aber das Gestern und Vorgestern von Ausrottung und Vertreibung hat sich auch dieser jungen Generation eingeschrieben. "Wir sind die Erinnerungen, die wir nicht mehr haben, die in uns leben", heißt es im Prolog, "die wir spüren, die uns so singen und tanzen und beten lassen, wie wir es tun... die unerwartet in uns aufflackern und uns durchtränken wie Blut..."

Gewalt zieht sich durch alle Geschichten. Dass Jacquies Tochter sich als junge Mutter umgebracht hatte, ist nur eine kleine unter ihnen. Dass es nicht Jacquie war, bei der die drei Enkel aufwuchsen, sondern Opal: "Ärzte würden sie wohl übergewichtig nennen. Aber sie hat sich Masse zugelegt, um nicht zu schrumpfen... Vielleicht ist sie zu streng... Um die Kinder auf eine Welt vorzubereiten, die für Natives nicht zum Leben, sondern zum Sterben da ist, zum Schrumpfen und zum Verschwinden."

Man muss es mit viel Bitterkeit, mit einem gewaltigen Maß an Zerstörung aufnehmen in diesem Buch. Dafür bekommt man Einblicke von großer poetischer und intellektueller Kraft in ein sehr anderes Amerika.