Jetzt, wo  für die Fans die Welt wieder in Ordnung ist und nach den beiden von vielen (zu Recht) abgelehnten Kinofilmen mit Actionstar Tom Cruise die Abenteuer des Jack Reacher als Amazon-Serie mit einem Hauptdarsteller abgedreht werden sollen, der die Figur physiognomisch und auch inhaltlich glaubhafter verkörpert, greift man umso lieber zum neuesten Buch. "Der Ermittler" ist ein Rückgriff um zwei Jahrzehnte und spielt im Jahr 1996, also vor dem größten Einschnitt in der fiktiven Lebensgeschichte eines der uramerikanischsten Romanhelden der Gegenwart.

- © (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen
© (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Es gibt zwei Arten von Jack-Reacher-Romanen aus der Feder von Lee Child, den man inzwischen getrost als Kultautor bezeichnen kann: Da sind zum einen die Abenteuer, die sein Zwei-Meter-Koloss nach der Entlassung aus der Army erlebt, während er kreuz und quer durch die Weite des nordamerikanischen Kontinents streift, vorzugsweise im Greyhound oder per Anhalter. Und wohin auch immer es ihn verschlägt, irgendwelchen bösen Buben kommt er ganz gewiss in die Quere und bricht ihnen auch schon einmal das Nasenbein oder Schlimmeres, wenn es nicht anders geht (und es geht selten anders). Selbstjustiz ist dem ehemaligen Militärpolizisten nicht fremd, wobei stets eine gewisse, berechnende Gefühlskälte gegenüber den Schurken mitschwingt, während er den Guten - und vor allem den Ladies - gegenüber ganz Gentleman der alten Schule ist, auch wenn sein Reisegepäck in der Regel aus nichts als seiner Zahnbürste besteht (sein Gewand wäscht er nicht, er schmeißt es weg und kauft sich neues).

Und dann gibt es die Zeit vor seinem Rauswurf aus der Army, der natürlich nicht auf Inkompetenz oder fehlerhaftes Verhalten zurückzuführen ist, sondern schlicht darauf, dass Reacher (Jack nennt ihn eigentlich niemand, selbst seine Freunde nicht) zu vielen Leuten auf die Füße gestiegen ist oder es zu tun drohte. Denn auch wenn er sich stets in die Befehlskette bestens eingefügt hat, konnte Reacher nie gut damit umgehen, wenn Vorgesetzte Scheiße bauten oder diese zu vertuschen versuchten. Und ein gewisser Hang zu eigenmächtigem Handeln (stets mit Erfolg) ist natürlich auch nicht abzustreiten. Romane aus diesem Bereich der Jack-Reacher-Serie drehen sich meistens darum, dass er in mehr oder weniger geheimer Mission irgendwohin ins Ausland geschickt wird und dort Attentäter oder andere Schurken aufspüren und dingfest machen muss. Was die Kollateralschäden betrifft (Stichwort: Nasenbein), so unterscheiden sich diese Romane kaum von den anderen, denn auch in geheimer Mission kommen einem halt immer wieder einmal auch irgendwelche Halbstarken unter, die den großen Macker markieren wollen und zur Beruhigung eine aufs Maul brauchen (so sieht es zumindest Reacher). Allerdings benimmt er sich ansonsten schon etwas unauffälliger als in den Countryside-Romanen.

Was ist 100 Millionen Dollar wert?

"Der Ermittler" jedenfalls spielt während Reachers aktiver Militärzeit, und diesmal verschlägt es ihn im Jahr 1996 nach Hamburg, wo er der Frage nachgeht: Was ist 100 Millionen Dollar wert? So viel bieten nämlich mutmaßliche arabische Terroristen mit einer Schläferzelle in Hamburg einem Amerikaner für eine Ware (oder Wissen?). Mehr als diese Info gibt es nicht - zugegeben eine recht dünne Basis für Ermittlungen. Aber es wäre nicht Reacher, würde er nicht via Ausschlussverfahren und unkonventionelle Ermittlungsansätze auf eine Antwort kommen. Und zum Glück für ihn macht auch der gesuchte Amerikaner einen groben Schnitzer.

Und es wäre auch kein Jack-Reacher-Roman, wäre der Protagonist stets eine Ecke schlauer als die Leser. Man wird immer wieder überrascht von seinen Erkenntnissen. Denn Reacher ist längst klar, was die anderen (oft genug auf falschen Fährten) bestenfalls erahnen. Einmal mehr darf der Ex-MP - diesmal erneut tatkräftig unterstützt von seiner Lieblingskollegin Frances Neagley - zeigen, dass sein Hirn den Muskeln in Sachen Leistungsfähigkeit um nichts nachsteht. Inhatlich bekommt man also die gewohnte Kost serviert (die einem entweder vorzüglich schmeckt, oder man hat ohnehin schon beim ersten Mal den vollen Teller zurückgeschickt). Und auch stilistisch bleibt Lee Child sich treu wie nur was. Man liest die erste Seite, und es ist wie Heimkommen.

Es ist der unverkennbare lakonische Erzählstil, der - neben der Nonchalance von Reachers wohldosiertem Zuhauen frei nach Bud Spencer - einen großen Teil des Lesespaßes ausmacht. Denn Lee Child dann auch noch ein wenig die Strukturen des US-Militärs erklärt und durch den Kakao zieht, kann man sich sogar einbilden, wieder ein bisschen was dazugelernt zu haben. Und dann ist da auch noch die Tatsache, dass man mit dem Wissen des Jahres 2019 über das Jahr 1996 liest, als keine zehn Prozent der deutschen Haushalte Internet haben und alle Welt sich vor dem Jahrtausendwechsel und der Umstellung von '99 auf '00 im Datumsbereich der Computerchips fürchtet. Eine Furcht, die man zwar vielleicht selbst miterlebt, aber schon wieder längst vergessen hat. Aber das nur am Rande. Die Hauptsache ist wie gesagt Reachers Terroristenjagd. Und die ist aufregend genug.

Lee Child: Der Ermittler
Blanvalet; 413 Seiten; 22,70 Euro