Was ist eigentlich Solidarität? Diese Frage stellt sich Heinz Bude in seinem neuen Buch, das er mit ebendiesem Schlagwort knapp betitelt. Um sie zu beantworten, knüpft er an zahlreiche soziologische wie philosophische Konzepte an, etwa an jenes Emile Durkheims, wonach "Individualität und Solidarität keine unvereinbaren Gegensätze" sind, sondern vielmehr "Bedingungen, die sich gegenseitig ermöglichen". Doch irgendwie, so stellt der Autor ernüchtert fest, scheint uns dieses Verständnis heute abhandengekommen zu sein.

Zwar gibt es noch den Sozialstaat, quasi als institutionalisierte Solidarität, in dem man sich auch um jene Leute kümmert, die aus dem Arbeitsraster herausfallen: Alte, Arbeitslose, Arbeitsunfähige. In dem also der Stärkere finanziell für den Schwächeren aufkommt. Der allgemeine Tenor der Nachkriegszeiten, dass nämlich solidarisch sein bedeutet, füreinander verantwortlich zu sein, schwingt hier noch mit. Und vermutlich liegt genau hier der Hund begraben. Denn immer mehr Menschen fragen sich, warum sie denn eigentlich für andere verantwortlich sein sollen.

Erfolge der Spaltung

Die Menschen, die heute Solidarität fordern, haben sich abgewandt von jenen Politikern eines Typus Mitterrand und sie verstehen Solidarität lediglich als eine exklusive innervölkische, fordern den Schutz der Grenzen sowie Einwanderungsregulierung. Sie sind für Solidarität, allerdings nur innerhalb ihrer Kulturgruppe. Die neue Solidarität, so Bude, kommt von rechts.

Denn durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entsteht ein Solidaritätsgefühl. Es scheint allerdings die Rückseite der Solidaritäts-Medaille zu sein, dass sich diese Gruppen häufig gegen andere stellen - vor allem, wenn sich im Laufe der Geschichte Differenzen herausgebildet haben: Ostdeutsche und Westdeutsche, Schwarze und Weiße, Katholiken und Protestanten.

Heute könne man, so Bude, gerade mit einer Politik erfolgreich sein, die ganz offen mit sozialer Spaltung wirbt. Im Zentrum steht dabei stets das Thema der Zuwanderung. "Das Wir der Nachkriegssolidarität scheint sich genauso aufgebraucht zu haben wie das Wir der Aufbruchssolidarität nach 1968." Heute herrscht bei vielen der Gedanke vor (Bude spricht von den sogenannten "Selbstbesorgern"), dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist, immer das "Ideal der Selbstsozialisation in Eigenbetrieblichkeit" im Visier. Das Wir haben dabei die meisten aus den Augen verloren.

Wie also zu einer Solidarität zurückfinden, die nicht nur innerhalb der eigenen Gruppe funktioniert, sondern darüber hinaus? Der Staat als solidarische Instanz müsse wieder ins Zentrum gerückt werden. Doch kann Solidarität unmöglich moralisch erzwungen werden. Dabei wäre es eigentlich relativ einfach, ein Verständnis für Solidarität zu entwickeln. Ein Blick auf die Anderen, die einen tagtäglich umgeben, könnte reichen, um zu sehen: "Sie sind da, und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne diese vielen Anderen sein könnte." Denn das Gegenkonzept hieße: absolute Einsamkeit. So simpel wie unmöglich.