"Eure Welt ist schlecht." Das sagt einer, der es wissen muss. Die Jugend ist verroht, meinen die Experten, das kommt von den Computerspielen, vom Internet und den Gewaltvideos. Ein 16-Jähriger drückt seine Zigarette auf einem Salamander aus, nur so zum Spaß, und vier Jugendliche werden zu Leichenschändern.

Elle, ihr Kumpel Junis, der kleinkriminelle Dennis und sein jüngerer Komplize Vale leben in einer durchschnittlich tristen Kleinstadt irgendwo in der deutschen Provinz, besuchen eine durchschnittliche Realschule, sind ohne besondere Zukunftsaussichten, und über den 30. April will Elle gar nicht hinausdenken: Denn dann wird sie endlich sechzehn. Pläne für den großen Abend hat sie noch keine, doch die Umstände für eine Party sind günstig: Ein durch den 1. Mai verlängertes Wochenende steht bevor, die Mutter fliegt mit ihrem neuen Freund nach Mallorca, und dann kommt Elle die Idee, die Geburtstagsnacht nicht daheim, nicht in der Disco oder im Jugendzentrum, sondern auf dem Gelände einer verlassenen Munitionsfabrik zu feiern.

Jedoch erweist sich die Baracke ihrer Wahl als kalt und schmutzig, die nun ehemals beste Freundin lässt sie sitzen, die umschwärmte Klassentussi lädt just am selben Abend auch zur Fete und die wenigen Gäste, die sich auf das vom Wald überwucherte Gelände wagen, trollen sich bald wieder. Zurück bleiben Elle, Junis, Dennis, Vale und nur mehr wenig Alkohol. Ein öder Abend, wie es scheint. Bis Dennis im Gebüsch eine Leiche findet und sie zu ihrem "Prügelknaben" erklärt.

Der Tote heißt Frank, und Elle kann in ihrem Kopf die Stimme des Selbstmörders hören, der seit Wochen von niemandem vermisst wird und der sich mit einer Flasche Wodka ohnmächtig gesoffen hat, um einsam in der Stadtwildnis zu erfrieren. "Eure Welt" - nicht mehr die seine, wohl aber unsere - "ist schlecht", lässt er Elle wissen. Warum die vier seinen toten Körper so prügeln, bis der Schädel entzweigeht, fragt er nicht. Sie könnte es ihm auch nicht sagen, denn welches Motiv hatten Elle, Dennis, Junis und Vale für diese abstoßende Tat? Waren es die Gründe, die Psychologen anführen, als die geschändete Leiche entdeckt wird: gruppendynamische Prozesse und alkoholbedingte Enthemmtheit, Verrohung durch Gewaltvideos? Ausgerechnet in der "Freinacht" auf den 1. Mai, in der Streiche erlaubt sind, solange sie harmlos bleiben; ausgerechnet auf dem Boden einer ehemaligen Munitionsfabrik, wo in der NS-Zeit Zwangsarbeiter schufteten und starben?

Man weiß es nicht, und das macht den Roman so unheimlich. So klar und schlüssig sich die Handlung entfaltet, die Gedanken und Ängste der Figuren dem Leser offenstehen: Verstörende Rätsel bleiben. Wie die Stimme Franks, die noch Jahre später zu Elle spricht, vielleicht nicht nur in ihrer Einbildung. Und wenn so eine grundlose Scheußlichkeit hier passieren kann, in einer gewöhnlichen Stadt unter gewöhnlichen Menschen, verübt von Jugendlichen, die keineswegs Bestien sind - kann sie dann nicht überall passieren? Tatsächlich beruht der Roman des deutschen Autors und Bachmannpreisträgers (2005) auf realen Ereignissen.