Finden Sie das Übernatürliche eher tröstlich oder noch angsteinflößender als die Realität? Vor einem Serienkiller können einen vielleicht eine Alarmanlage und die Polizei retten, aber wenn man im eigenen Keller die Geister der Opfer eines Serienkillers spuken hat, dann ist man ja eher schutzlos.

Diese Frage stellt sich eher Menschen, die kein religiöses Glaubenssystem haben. Es gibt Leute, die tun böse Dinge, weil sie einen Grund dafür haben. Aber es gibt auch welche, die tun so etwas ohne Grund - außer, dass es ihnen gefällt, andere zu verletzen. Wenn man einen jüdisch-christlichen Hintergrund hat, dann hat man einen Namen dafür. Alle guten Horrorgeschichten handeln vom Eindringen. Ob nun ein Räuber oder eine übernatürliche Form eindringt - der Effekt ist derselbe.

Also nicht tröstlich...

Ich wüsste zum Beispiel gerne, ob und was nach dem Tod kommt. Ich bin aber nicht neugierig darauf, dass mir plötzlich meine tote Großmutter in ihrem verrotteten Totenhemd gegenüber steht. Ich weiß nicht, ob mir das Vorfreude auf das Jenseits bringt. Ich würde wohl sagen: "Was machst du denn hier? Solltest du nicht auf einer Wolke Harfe spielen? Warum läufst du herum und erschreckst Leute?" Also, ich will das nicht für alle Ewigkeit machen.

Auch die Landschaft kann in Ihren Büchern Horror verbreiten...

Ich mag das Genre Folk-Horror, es basiert darauf, dass die Vergangenheit in der Gegenwart weiterlebt. Ich habe mich kürzlich mit Psychogeografie beschäftigt. Die besagt, dass Menschen Spuren hinterlassen in der Landschaft. Das kann man in einer Stadt wie Wien, wo Jahrhundert auf Jahrhundert trifft, natürlich besser sehen als etwa in einer amerikanischen Stadt, die vielleicht seit 60, 70 Jahren besteht. Wir hinterlassen aber nicht nur Gebäude, sondern auch eine Art Gedächtnis. Wenn Sie in ein altes Gefängnis gehen, dann werden Sie sich dort nicht wohlfühlen, weil dort so viel Schreckliches passiert ist. Ich finde faszinierend, dass das auch funktioniert, wenn man gar nicht weiß, was an einem Ort geschehen ist. Wir kommen manchmal wohin, wo wir uns unbehaglich fühlen. Das ist gar nichts Übernatürliches, das ist atavistisch: Wir wissen einfach instinktiv, wenn wir uns an Plätzen befinden, an denen wir besser nicht länger bleiben.