Geglückter literarischer Start- und Landeversuch. - © Pinter
Geglückter literarischer Start- und Landeversuch. - © Pinter

Außerdem fängt unser Planet, Modellen zufolge, etwa alle zehn Jahre einen Kleinplaneten von Pkw-Größe ein. Der umkreist uns dann wie ein Mond, allerdings auf einer langgestreckten Ellipsenbahn. Die Anziehungskraft der Sonne entreißt uns den Minitrabanten bald wieder. Einen wirklich dauerhaften Zweitmond besitzt die Erde nicht.

Zwei mitgeführte Hunde sollen sich mit Monddoggen paaren oder ein lunares Hundegeschlecht gründen: Doch nur die Hündin Diana (ihr Name stammt ganz offensichtlich von der römischen Mondgöttin) überlebt den brutalen Startvorgang. Der Rüde Trabant (slawisch: Begleiter) verendet und wird im All entsorgt. Sein Kadaver verfolgt die Kapsel fortan als "Hundegespenst". Die Astronauten der unglücklichen Apollo-13-Mission erlebten 1970 Ähnliches: Nach der Explosion eines Sauerstofftanks wurden sie von einer Wolke ausgetretenen Gases begleitet. Sie störte sogar die Navigation.

Die Reisenden spüren die Bewegung ihres antriebslosen Projektils nicht - da hat Verne recht. Die Schwerelosigkeit erfahren sie nur an jenem "neutralen Punkt", an dem die Anziehungskräfte von Erde und Mond einander aufheben. Da irrt Verne: Raumfahrer sind im freien All immer schwerelos, sofern sie nicht gerade ein Triebwerk zünden.

Winzerfreuden

Dem Mond auf wenige Dutzend Kilometer nahe gekommen, studiert man seine Oberfläche. "Es ist eine riesige Schweiz, ein ununterbrochenes Norwegen", schreibt Verne angesichts der von Gebirgen geprägten Landschaften. Er erzählt von der Kartierung der Mondoberfläche seit Galileis ersten Fernrohrbeobachtungen im Jahr 1609: Immerhin 50.000 Krater habe man seither im Teleskop ausgemacht. Verne erklärt, wie Teleskopbeobachter die Höhe der Mondberge abgeschätzt haben. Sie maßen dazu tatsächlich die Länge der Bergschatten oder die Dauer des lunaren Alpenglühens.

Jules Verne verbindet auch in diesem Mondflugroman Wissenschaft und Fiktion. Er ist somit ein Gründervater der Science- Fiction und nutzt das Genre, um den Lesern auf unterhaltsame Art Wissen einzuträufeln. Oft orientiert er sich am Urteil der zeitgenössischen Forscher.

Die drei Männer blicken auf "einen Haufen von Löchern, Kratern, Circussen" (lat. circus "Kreis", "Ring"). Im Roman sind die fast immer kreisförmig begrenzten Gebilde ausgebrannte Vulkane: Das entspricht dem damaligen Wissensstand. Wie man erst im 20. Jahrhundert erkennen wird, sind die Mondkrater ganz anders entstanden - nämlich durch den Einschlag unzähliger Kleinplaneten und Kometenkerne. Dabei wird die enorme Bewegungsenergie der Irrläufer explosionsartig in alle Richtungen freigesetzt: daher die kreisrunde Form der Einschlagsnarben.

Die Männer wollen auf dem Mond landen. Um den Aufprall zu lindern, sollen 20 kleine Raketen am Schiffsboden gezündet werden. Später setzen auch die realen Raumschiffe zum Abbremsen Raketen bzw. Raketentriebwerke ein, ausgerichtet gegen die Flugrichtung. Nach geglückter Landung würde der Mond zu einem Bundesstaat der USA erklärt (so etwas erlaubt das Völkerrecht heute zum Glück nicht). Sollte man Bewohner auf dem Mond antreffen, will man diese zivilisieren und bei ihnen eine Republik einführen.