Einband der ersten deutschsprachigen Ausgabe von "Die Reise um den Mond", 1873 (Verlag Gebrüder Légrady). - © Bernhard Krauth private collection / Privatsammlung
Einband der ersten deutschsprachigen Ausgabe von "Die Reise um den Mond", 1873 (Verlag Gebrüder Légrady). - © Bernhard Krauth private collection / Privatsammlung

Um die Mondlandschaften zu kultivieren, bringen die drei Kolonialisten Hacken und Schaufeln mit, Saatgut und junge Bäume. Angesichts glühend heißer "Mondweinberge" träumen sie von "feurigsten Weinen". Schon scheint es, als könnten sie den Mond mit Händen greifen. Doch die Anziehungskraft des anfangs passierten "Zweitmonds" hat das Gefährt vom Kurs abgebracht.

Es schießt über den Mondrand hinweg und erlaubt es den überraschten Passagieren, einen Blick auf die von der Erde aus nie sichtbare Mondrückseite zu werfen. Niemand weiß damals, wie sie aussieht. Auch Verne nicht. Wohl deshalb ist gerade Vollmond. Die erdabgewandte Mondseite liegt somit in finsterster Nacht. Um sie kurzzeitig zu erhellen, lässt Verne einen nahen, zwei Kilometer durchmessenden Kometen zerplatzen - wie eine Bombe. Im sekundenkurzen Widerschein der Explosion meinen die Männer, Wolken, wirkliche Meere und riesige dunkle Massen wie Waldungen auszumachen. Allerdings bleibt unklar, ob dies nicht bloß "Täuschung, Irrtum der Augen, ein optisches Blendwerk" ist.

Manche Kometen teilen sich tatsächlich und gewinnen dabei merklich an Helligkeit. Vernes übertriebene Kometenexplosion ist aber bloß ein Kunstgriff, um die Geschichte spannender zu machen. Wassergefüllte Ozeane, Wälder oder Wolkengebilde sucht man auf dem Mond vergeblich.

Aus gewagten Theorien schließt das Trio: In ferner Vergangenheit hätte der Mond eine dunstreiche Umhüllung besessen, und somit auch Gewässer und Vegetation, ja sogar Bewohner: "Denn die Natur vergeudet sich nicht unnütz." Erst beim Erkalten hätte ihm die Erde seine Atmosphäre entzogen. Nun sei er "eine erstorbene Welt".

Heldenverehrung

Tatsächlich besitzt der Erdmond zu wenig Masse und somit zu wenig Anziehungskraft, um eine nennenswerte Atmosphäre zu halten. Mangels entsprechendem Druck würde Eis im Sonnenlicht verdampfen, ohne sich zu verflüssigen. Weinreben oder andere Pflanzen gediehen nie auf dem Mond. Er ist steril.

Bald kehrt Vernes Gefährt wieder zur Mondvorderseite zurück und stürzt schlussendlich unaufhaltsam auf die Erde zu. Tage später erblicken Matrosen eines US-Marine-Schiffs im Pazifik eine Feuerkugel, die durch die Reibung mit der Luft in vollen Flammen steht. Sie versinkt tosend im Ozean. Eine aufwendige Suchaktion folgt: Als man bereits resigniert, entdeckt ein Matrose eine große Boje mit aufgepflanzter US-Flagge. Darin sitzen drei Männer und vertreiben sich die Zeit beim Dominospiel.

Tatsächlich hüllen sich alle aus dem All in die Lufthülle eintretenden Objekte "in Feuer", Meteorite ebenso wie Raumfahrzeuge. Die Atmosphäre bremst sie radikal ab. Die Schockfront vor dem dahinschießenden Eindringling heizt sich deshalb auf tausende Grad Celsius auf. Ein Raumschiff würde großteils schmelzen und verdampfen, also "verglühen" - ähnlich einer Sternschnuppe. Deshalb schützt man Raumkapseln mit einer speziellen Verkleidung, etwa aus Kunstharz: Sie kühlt beim Verdampfen. Vernes ungeschütztes Gefährt hätte verglühen müssen. Anderenfalls wäre es auf der Wasseroberfläche zerschellt.