Eigentlich ist es eine Zumutung, Schreibvirtuosen bei deren Aufnahme in den Schriftstellerolymp zu einer Rede zu verpflichten. Elias Canetti dachte so und lieferte 1981 keine Nobelpreisrede ab.

Er war nicht der Erste, Samuel Beckett verweigerte 1969. Bei seiner Preisverleihung 2001 erklärte der britische Nobel-Schriftsteller karibischer Herkunft V. S. Naipaul den Widerwillen des Schreibers zu reden: "Leuten, die mich bitten, einen Vortrag zu halten, sage ich, dass es nichts gibt, was ich vortragen könnte - und das ist die Wahrheit. Es mag seltsam erscheinen, dass ein Mann, der seit beinahe fünfzig Jahren mit Worten, Gefühlen und Ideen handelt, nicht ein paar davon erübrigen kann. Aber alles, was ich an Wertvollem zu sagen habe, steht in meinen Büchern. Und alles, was ich darüber hinaus in mir habe, ist noch nicht vollkommen ausgeformt. Ich bin mir seiner kaum bewusst; es wartet auf das nächste Buch. Es wird mir - wenn ich Glück habe - beim Schreiben bewusst werden und mich überrumpeln."

Als bisher Letzter überrumpelte Bob Dylan das Nobelpreiskomitee. Zuerst ließ sich der Nobelpreisträger für Literatur 2016 vier Monate Zeit, den Preis im Rahmen eines Tournee-Stops persönlich abzuholen; dann dauerte es noch einmal bis Juni 2017, bis Dylan seine Nobelpreisvorlesung schickte. Ohne Rede kein Preisgeld von rund acht Millionen schwedischen Kronen (über 800.000 Euro), lautete die inoffiziell aufgebaute Drohkulisse, die Dylan anscheinend zum Auftritt bewegte. Der Barde schickte ein 26-minütiges, mit Klaviermusik unterlegtes Tondokument im Stil seiner legendären Radiosendungen zur Musikgeschichte.

Dylans Plagiat

Die Akademie atmete auf, freute sich über den "außerordentlichen" und "eloquenten" Text und das doch noch gute Ende ihres "Abenteuers Dylan", und die Dylan-Exegeten jubelten: "Dylan spricht aus der Tiefe seines Herzens und seiner Lese- und Songerfahrungen." Der singende Dichter nützte für die Nobelpreisrede aber auch seine Copy & Paste-Erfahrungen. Eine US-Plagiatsjägerin konnte nachweisen, dass der Nobelpreisträger für seine Hymne auf "Moby Dick" aus einer Online-Interpretationshilfe für Schüler abgeschrieben hatte. Skandal! Doch ein Dylan durfte das. Die "Zeit" nannte ihn zwar den "Lümmel aus der letzten Reihe", gratulierte aber gleichzeitig zum "Geniestreich".

Da konnte dann Kazuro Ishiguro, der Nobelpreisträger für Literatur 2017, gar nicht anders, als schon zu Beginn seiner Preisrede auf den Nobel-Vorgänger zu verweisen: "Wären wir miteinander ins Gespräch gekommen", erzählte der britisch-japanische Literat über seine Vorlieben als junger Mann, "hätten wir vielleicht über den Totalen Fußball der niederländischen Nationalelf geredet oder über das jüngste Album von Bob Dylan, vielleicht auch über mein soziales Jahr in London..."