Als Wieland Freund Anfang des heurigen Jahres seine Vollendung von Michael Endes letztem Buch "Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe" im Verlag Thienemann vorstellte, meinte er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass "mein allererstes Buch ein bisschen endisch war". Nun, die Arbeit an Endes Erbe dürfte auf Freund noch weiter abgefärbt haben, denn sein jüngstes Werk "Nemi und der Hehmann" (erschienen im Verlag Beltz & Gelberg) fügt sich nahtlos ein. Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das mit seiner Schwester an der Haltestelle auf den Schulbus wartet, mit dem es nicht fahren möchte - zu Fuß gehen wäre Nemi lieber.

Und das tut sie auch - sie läuft allerdings nicht in die Schule, sondern in den Wald hinein, aus dem "Heh!"-Rufe zu ihr dringen. Der da ruft - und den nur Nemi hören und sehen kann -, ist der Hehmann, der in der Architektur als Grüner Mann  bekannt ist. Wieland Freund hat daraus eine Figur mit einem Bart aus Blättern gemacht, die nicht im Wald lebt - sie ist vielmehr der Wald. Der Hehmann ist sozusagen der Wächter des Waldes, der je nach Stimmung winzigklein oder riesengroß wird, einmal ganz still und leise, dann wieder wild und laut. Ein Dorn im Auge sind ihm natürlich vor allem (Verkehrs-)Lärm und Naturzerstörung. Und er scheint immer nur einen Windstoß vom nächsten Wutanfall entfernt. Gleichzeitig aber ist er ein sehr prosaisches Wesen, das Nemi wunderbare Lieder über den Wald und seine Bewohner vorsingt - wenn der Hehmann sie nicht gerade vergessen hat. Denn er ist auch alt. So alt, dass selbst die alten Bäume für ihn junge Hüpfer sind (wenn sie nur hüpfen könnten). Gemeinsam mit dem Hehmann, den sie jeden Tag besucht, unternimmt Nemi Streifzüge durch den Wald und lernt die Natur so richtig kennen - bis eines Tages Waldarbeiter mit Motorsägen auftauchen . . .

Keine Angst, so leicht lässt sich der Wald - und mit ihm der Hehmann - schon nicht unterkriegen. Es wäre ja auch zu schade um die von Wieland Freund so liebevoll erfundene Figur, die sehr viel Philosophisches an sich hat. Ohne erhobenen Zeigefinger oder Moralinsäure bespielt der Autor mit seinem neuen Buch ein wichtiges Thema unserer Zeit: die Bewahrung der Schöpfung. Sein Text und dazu die Illustrationen von Hanna Jung bilden ein wunderschönes Gesamtpaket, bei dem die Naturverbundenheit aus jeder Seite sprießt.