Josef Eisinger bei der Präsentation seines Buches in der Wienbibliothek, Mai 2019. - © Georg Lemberg
Josef Eisinger bei der Präsentation seines Buches in der Wienbibliothek, Mai 2019. - © Georg Lemberg

"Hauptsache, es ist endlich Friede, nach so viel Tod. Auch die Soldaten, die über die Jöcher aus Italien kommend in Richtung Heimat ziehen, sagen, es werde schon irgendwie weitergehen."

Es ist Mai 1945, das "Tausendjährige Reich" ist gerade zusammengebrochen, und die junge Frau aus Niederösterreich, die mit ihren drei Kindern in ein Tiroler Bergdorf geflüchtet ist und diesen Satz am Tag der Kapitulation in einem Feldpostbrief an ihren Mann schreibt, hat bis zuletzt an den Erfolg der "Wunderwaffe" geglaubt und auf einen "Endsieg" gehofft.

Wie groß war ihre Hoffnung tatsächlich? Und wie viel haben sie und ihr Mann, beide Jahrgang 1909, beide Akademiker, beide Mitglieder der NSDAP, von den Verbrechen der Nazis gewusst?

Es ist Karl, der 1937 geborene älteste Sohn der Frau, der als Erwachsener auf seine Kindheit und Jugend zurückblickt und dabei dieses Thema immer wieder umkreist. Wie "die meisten" hat auch er keine Fragen gestellt, "solange eine Antwort aus dem Mund der Betroffenen möglich war". Nun fragt er sich, "mit welchem Erbe er belastet ist". Und ob die "Zeit, in die man geboren wird, das ganze Leben bestimmen" kann.

Das sind so große Fragen, dass man als Leser bald ahnt, ein einzelnes Buch wird nicht ausreichen, um darauf alle Antworten zu liefern. Und tatsächlich ist "Orbis Terrarum, Band 1, Das Kriegskind" der Auftakt einer Trilogie. Und man ahnt auch schon früh, dass aus Karl (vom Bühelstein), der in Tirol von seinen Mitschülern wegen seines Namens gehänselt wird, einmal ein sehr empfindsamer Einzelgänger werden wird, der seine freien Stunden lieber sinnierend in Baumkronen und auf Berggipfeln als auf ebener Erde unter Gleichaltrigen verbringt.

Schon der kleine Karl, dessen erste, schemenhafte Erinnerung die an einen Fackelzug ist, den er auf den Schultern des Vaters erlebt, empfindet allzu große menschliche Nähe als das, was sie für sensible Menschen oft ist: eine arge Zumutung - und zudem eine potenzielle Quelle von Gefahren. Manchmal allerdings, naturgemäß, auch ein Quell von Behaglichkeit und zuweilen gar von großer Neugierde und Lust. Der Volksschüler Karl, der sich in Tirol übrigens Veit Troyer nennt, um dem Spott der Bauernkinder zu entgehen, macht als Erntehelfer unverhofft erste sexuelle Erfahrungen.

Gnade der späten Geburt

Peter Steiner, Jahrgang 1937 wie sein Protagonist, spart den Blick auf Details nicht aus. Und detailliert beschriebene Blicke in emo-tionalen Ausnahmesituationen sind in diesem Buch oft zu finden, nicht nur oben auf dem Heuboden, sondern auch unten im Keller bei einem Fliegeralarm.