So einen Geburtstag erleben nicht viele: Händeschütteln mit 14 Nobelpreisträgern und 70 singende Journalisten. Für Peter Handke, der am 6. Dezember 1942 geboren wurde und am Freitag also 77 Jahre alt geworden ist, war genau das Wirklichkeit. Der Literatur-Nobelpreisträger ist in Stockholm, um das Programm zu absolvieren, das mit der Verleihung des Nobelpreises einhergeht. Nach der Ankunft am Mittwochabend aus Paris verbrachte er einen Tag in Stockholm, wo er sich das Nationalmuseum anschaute und ein Detail aus einem Rembrandt-Gemälde abskizzierte.
Am Freitag stand, nach einem Treffen aller Preisträger im Nobelmuseum, das obligatorische Treffen mit der internationalen Presse an. Weit gehen mussten Handke und Olga Tokarczuk nicht: Die Schwedische Akademie hausiert im selben Gebäude wie das Nobelmuseum am Stortorget, einem fotogenen Platz in der Stockholmer Altstadt, umringt von bunten Häusern, Cafés und einem beliebten Weihnachtsmarkt.

Draußen merkte man nichts vom Auftritt des umstrittenen Literaten – kein Protest, nur ein paar Polizisten. Auch drinnen ging es überraschend gesittet zu, die erwartete Eskalation blieb aus. Anders Olsson, Sekretär der Schwedischen Akademie, lockerte die Atmosphäre mit einem herzlichen Geburtstagswunsch. Es wirkte: "Happy birthday, dear Peter, happy birthday to you!", kam es von den rund 70 versammelten Journalisten.

"Wie lebt man ohne Dämonen?"

Der respektvolle Ton hielt sich auch den Großteil der Pressekonferenz. Ob der Nobelpreis sein Schreiben verändere? "Gar nicht. Ich setze meine Lebensreise weiter fort, wie ich sie begonnen habe." Auf die Frage der "Wiener Zeitung" nach einem Ausblick auf neue Projekte, im Kontrast zum Festhalten an Vergangenem, reagierte Peter Handke dankbar und wortreich. Ganz frisch sei die Idee, an die Episode aus dem Lukasevangelium anzuknüpfen, in der Jesus einem Stummen das Böse austreibt, sodass dieser wieder sprechen und allen von seiner Heilung erzählen kann. "Ich möchte die Geschichte dieses Mannes weitererzählen. Vielleicht bereut er später, dass alle bösen Geister ihn verlassen haben. Wie lebt es sich ohne Dämonen? Ich bin selbst gespannt darauf."

Ein Werk als Geste der Versöhnung, das Handke in einem Interview angedeutet hatte, sei jedoch vorerst verschoben. "Ich wollte zwei einsame Mütter treffen, die Kinder im Krieg verloren haben. Eine auf der serbischen Seite, eine auf der muslimischen Seite. Doch ein Freund in Bosnien-Herzegowina meinte, es sei derzeit unmöglich."

"Ich hasse Meinungen"

Zu den geplanten Protesten am 10. Dezember befragt, konterte Peter Handke mit: "Geben Sie mir doch einen Rat. Was soll ich tun?" Er habe schon 2014 im Rahmen der Verleihung des Ibsen-Preises in Oslo versucht, mit Protestierenden zu sprechen, die ihn mit "Faschist!"-Rufen begrüßten, doch die hätten das direkte Gespräch verweigert.
Ob Peter Handke seine Meinung zu den historischen Ereignissen in Jugoslawien geändert habe? "Ich hatte nie eine Meinung. Ich hasse Meinungen." Er könne sich in dieser Hinsicht bestens mit einer Jane-Austen-Figur identifizieren, die Angst bekommt, wenn sie nach ihrer Meinung gefragt wird. "Ich mag Literatur, keine Meinungen."
Die Konferenz nahm ihr dann doch etwas dramatisches Ende mit den Kommentaren von Peter Maas von der Nachrichten-Website "The Intercept". "Warum haben Sie den Genozid von Srebrenica in Ihren Büchern nicht als Fakt akzeptiert? Tun Sie es jetzt?" Statt einer direkten Antwort las Peter Handke aus einem mehrseitigen Brief vom Kulturreporter Alex Marshall der "New York Times" vor, der Handkes Werke mit Donald Trumps Twitter-Nachrichten vergleicht.
Neben dem Kritiksturm habe Handke auch viele herzliche Briefe von Lesern bekommen. Außerdem habe ihn ein anonymer Brief mit benutztem Toilettenpapier erreicht. "Und ich sage euch allen, die solche Fragen stellen: Mir ist ein anonymer Brief mit Toilettenpapier lieber als eure leeren, nervenden Fragen!"

Auch die schwedische Presse hat Peter Handkes Auszeichnung seit der Bekanntgabe im Oktober kritisch betrachtet. Einerseits gibt es da das Lager jener, die dem Schriftsteller vorwerfen, sich hinter dem Schutzschild der Sprache zu verstecken und eine alternative Wahrheit zu erschaffen. Diese Gruppe überschneidet sich teilweise mit jenen, die das literarische Werk als Anlass für den Nobelpreis ganz vergessen und sich ausschließlich um politische Korrektheit kümmern. Der dänische Autor Carsten Jensen gibt in einem Artikel in der schwedischen Tageszeitung zu, Handkes Romane "trotz ihrer poetischen Titel" nicht gelesen zu haben.

"Mein Wort als Künstler"

Genau hier setzen andererseits die Handke-Verteidiger an, indem sie zum Text zurückkehren. Der schwedische Völkermordforscher Kjell Magnusson analysiert im gleichen Blatt Handkes Beschreibungen aus Jugoslawien und kommt zu dem Schluss, dass die Schilderungen des Krieges korrekt und die Fragen zum Massaker von Srebrenica im Juli 1995 berechtigt seien. Nichts in Handkes "Winterreise" gebe Anlass dazu, den Autor als "dummen Idioten oder bösartigen Manipulator" zu verurteilen.

In einem Interview der SVT, dem öffentlich-rechtlichen Sender Schwedens, hat Peter Handke zu den viel zitierten Formulierungen wie dem "mutmaßlichen Genozid" als Umschreibung der Verbrechen in Srebrenica Stellung bezogen und dabei daran erinnert, dass er nicht Politiker, sondern Sprachkritiker ist: "Für mich war das, was passiert ist, viel schlimmer als Genozid. Es war Brudermord. Das ist mein Wort als Schriftsteller." Die Worte abzuwägen und die Dinge miteinander in Relation zu setzen, das sei "manchmal viel, viel lebendiger, denn dadurch wird das Unrecht fassbarer. Relativieren ist nicht Negieren, und dazu stehe ich."
Um sein Schreiben, jenseits der politischen Debatte, geht es beim Nobelvortrag am Samstag 7. Dezember in Stockholm. Ein Vortrag ist für jeden Preisträger Pflicht und Voraussetzung dafür, am 10. Dezember vom schwedischen König den mit umgerechnet 850.000 Euro dotierten Preis entgegenzunehmen.
Am Tag der Preisverleihung ist eine Demonstration geplant. Die Organisatorin Teufika Sabanovic, deren Vater in Srebrenica ermordet wurde, rechnet mit etwa tausend Demonstranten und hofft darauf, dass der Nobelpreis an Peter Handke entweder zurückgezogen oder vom Autor freiwillig abgelehnt wird.