Am Samstagnachmittag hielten Peter Handke und Olga Tokarczuk ihre Nobelvorlesungen (Nobel Lectures) in Stockholm. So steht es in den Statuten der Nobelstiftung: Alle Preisträger sollen über die Entdeckungen oder Leistungen berichten, für die sie belohnt wurden. Mit wenigen Ausnahmen hat man sich seit der ersten Vergabe 1901 daran gehalten. Während die wissenschaftlichen Nobelvorlesungen für die Öffentlichkeit zugänglich und kostenlos sind, durften den Vorlesungen der Preisträger in Literatur dieses Jahr nur geladene Gäste und keine Journalisten lauschen. Aus Platzgründen, hieß es offiziell von Seiten der Akademie, weil dieses Jahr zwei Schriftsteller vortragen.

Im Publikum saßen rund 250 Personen, die mit der Schwedischen Akademie, den Literaten und ihren Verlagen in Verbindung stehen. Da waren 17 der 18 Akademie-Mitglieder – Peter Englund boykottiert die Nobelwoche als offener Protest gegen die Entscheidung für Peter Handke – und deren Partner, Peter Handkes Ehefrau Sophie Semin und Tochter Léocadice, der Geschäftsführer der Nobelstiftung Lars Heikensten, die österreichische Botschafterin in Stockholm Gudrun Graf sowie mehrere Übersetzer, die Werke dieser und anderer Nobelpreisträger ins Schwedische übersetzt haben.

Die Schwedische Akademie ist in der ehemaligen Börse aus dem späten 18. Jahrhundert untergebracht, und in den eleganten Räumlichkeiten ist die Inneneinrichtung im klassizistischen Stil erhalten. "Gustavianisch" heißt das in Schweden, benannt nach König Gustav III., der 1786 die Schwedische Akademie zur Förderung der Sprache und Literatur gegründet hatte.

Schicksalsschläge kleiner Leute

Sowohl Olga Tokarczuk, die als Erste eine solide Stunde sprach, als auch Peter Handke gingen in ihren Reden von Erinnerungen an ihre Mütter aus. Handke teilte Erzählungen seiner Mutter Maria Handke - "keine Geschichten, sondern kurze Begebenheiten" - über Leute im Dorf "Stara Vas", einem Teil seines Geburtsortes Griffen. Es sind diese Begebenheiten, zu denen Handke in seiner über 50-jährigen Laufbahn als Schriftsteller immer wieder zurückkommt. Natürlich sind es keine Lappalien, sondern wahre Schicksalsschläge der kleinen Leute: eine "Schwachsinnige", deren weggenommenes Kind sie am weichen Druck ihrer Hände erkennt, und zwei im Krieg gefallene Brüder.

Als zweiten Impuls für sein Schaffen, als Quelle von "Schwingungen und Schwungkräften", nennt Handke andere Formen der Kunst: Bilder, Filme und Musik. Aus seiner Kindheit habe er noch immer slowenisch-slawische Gebete im Ohr, darunter die Lauretanische Litanei mit hundert Anrufungen an die Mutter Gottes. In seiner Vorlesung trug er einen Auszug auf Slowenisch vor, den er nur teilweise übersetzte, schließlich ging es um den musikalischen Aspekt, den "monotonen und doch melodiösen" Charakter des Gebets, der bis heute "die Saiten für meinen weiteren Schreiberweg" zupfe.

Bei der Pressekonferenz am Freitag hatte Peter Handke auf die Frage nach neuen Schreibprojekten angekündigt, dass er in der Nobelvorlesung darüber sprechen würde. Doch statt neuen Texten überwogen lange Zitate aus dem 1981 erschienen dramatischen Gedicht "Über die Dörfer". Nur im Vorbeigehen deutete er an, dass es, "so Gott, das Geschick oder was auch immer es vergönnt", ein Buch namens "Die zweite Wiederholung" geben könnte, das sich mit dem Verlust seiner beiden Onkel im Zweiten Weltkrieg beschäftigt und deren sinnlosem "Tod für’s Vaterland" eine literarische Metamorphose gibt.

Sich dem scheinbar Kleinen zuzuwenden und leicht zu begeistern zu sein, das proklamiert die geheimnisvolle Nova als Personifikation der Kunst in ihrem Imperativ-Monolog in "Über die Dörfer": "Schafft den großen Satz. Die Freude ist die einzige rechtmäßige Macht. Erst wenn ihr euch freut, geht es mit rechten Dingen zu." Und so wurde Handkes Collage aus Nacherzählungen und Zitaten des eigenen Werkes mit einem langen Applaus entgegengenommen. "Sehr berührend", sagte ein Freund zu Peter Handke, als dieser erleichtert und erschöpft von der Bühne stieg. "So bin ich manchmal", gab dieser mit einem Schmunzeln zurück.

Gegen den Ich-Kult

Doppelt so lang war die Vorlesung von Olga Tokarczuk mit dem Titel "Der empfindsame Erzähler", ein 25-seitiges Manuskript in sieben Kapiteln, eigens für diesen Abend verfasst. Sie nimmt ihren Anfang bei einem verblassten schwarz-weiß-Foto, das ihre Mutter mit trauriger, verlorener Miene zeigt. "Du warst noch nicht geboren, und trotzdem habe ich dich schon vermisst", habe die Mutter das Bild später erklärt.

Olga Tokarczuk eruiert in ihren Ausführungen mehrere Probleme in der Kultur der Gegenwart, etwa die Übermacht von Ich-Erzählern in den leicht verfügbaren Medien, die den Leser mit ihrer scheinbar authentischen Stimme bannen und dann doch keine universelle Geschichte erzählen. Oder das Aufkommen von Fernsehserien, die auf Sucht statt Reinigung abzielen: Während abgeschlossene Erzählformen von der antiken Tragödie bis zum modernen Roman ihre Figuren auf die Katharsis hinsteuern, missbrauchen Serien ihre Charaktere, um die Story so weit wie möglich in die Länge zu ziehen.

Diesem Verbrechen an der Literatur und auch dem egoistischen Kult der Ich-Erzähler könnte ein empfindsamer Erzähler entgegenwirken: "Literatur baut auf Empfindsamkeit gegenüber einem anderen Wesen als uns selbst auf." Olga Tokarczuk sieht ihre Aufgabe darin, einer zu sein, und ihre "narrative Vorstellungskraft" hat ihr den Nobelpreis für Literatur eingebracht.