Endlich, endlich, endlich hat Peter Handke am Dienstagnachmittag das Nobelpreisdekret überreicht bekommen. Zu Ende ist die Diskussion über diese Vergabe noch längst nicht - was auch aus den massiven Protesten hervorgeht. Immer wieder benützen Tugendwächter und Tugendrichter selbstgeschnitzte moralische Maßstäbe, um andersdenkenden Künstlern den Wert ihrer Arbeit abzusprechen, als ob das eine mit dem anderen zu tun hätte. Der Fall Handke ist nur ein Auswuchs der Gegenwart. In der Vergangenheit traf es etwa Bertolt Brecht, gegen den in den 1950er Jahren Friedrich Torberg und Hans Weigel einen Boykott durchsetzten, weil Brecht Kommunist war. Als ob dadurch das Gewicht seiner Dramen verringert wäre.

Dennoch hat der Fall Handke eine eigene Qualität, zu der Handke selbst mit öffentlichen Trotzreaktionen beiträgt. Umso weniger darf man sich um die Frage drücken: Wieso ausgerechnet Handke? Wieso wird gerade er für seine differenzierte Haltung zu Serbien in den Jugoslawienkriegen auf diese Weise attackiert? - Eine Haltung, wohlgemerkt, die man Autoren wie dem Engländer Harold Pinter keineswegs zum Vorwurf machte. Wie Handke, so unterzeichnete auch Pinter 2004 den "Artists’ Appeal for Milošević" des kanadischen Dichters Robert Dickson - 2005 war Pinter Literaturnobelpreisträger, ohne dass es wegen seiner Milošević-Verteidigung sonderliche Aufregung gegeben hätte.

Im Fall Handke kommt aber ein verschärfender Faktor hinzu, an dem der Autor selbst nur bedingt schuld ist: Er ist ein Künstler, der eine Gemeinde um sich schart.

Ungleiches Recht für Einzelne

Und Künstler mit einer Gemeinde wecken stets den Argwohn aller, die der Gemeinde nicht angehören. Dabei ist es weitestgehend egal, ob es sich um Literatur, Musik oder Bildende Kunst handelt - oder auch um Philosophie. Das weiß man spätestens, seit die Römer den jüdischen Wanderprediger Jeschua hingerichtet haben. Brecht, der wegen seiner kommunistischen Überzeugung zweimal Verfolgung erlitt, nämlich eine durch den Nationalsozialismus und eine weitere durch die McCarthy-Tribunale in den USA, wusste um die Auswirkung einer politischen Dominanz auf moralische Bewertungen, als er in der "Verurteilung des Lukullus" schrieb: "Immer noch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere, und zurück bleibt die Lüge."

Gemeindebildungen sind für einen Künstler Vorteil und Nachteil gleichzeitig: Kann er sich einerseits auf einen unreflektierten Zuspruch seiner Befürworter verlassen, so andererseits auf mindestens ebenso unreflektierte Anfeindungen durch seine Gegner. Sowohl Befürworter wie Gegner führen dabei Fakten ins Treffen, die oft mit der künstlerischen Gestaltung selbst nur am Rand zu tun haben.