"Zornfried", der Name verbindet das Unverbindbare. Was macht Frieden zornig? Da ist es doch noch wahrscheinlicher, dass man Frieden im Zorn findet. Etwa im Zorn darüber, dass das eigene Volk bedrängt wird. Von anderen Kulturen. Das macht dem Herrn über Burg Zornfried tatsächlich große Sorgen. Hartmut Freiherr von Schierling hat sein Anwesen zu einem Treffpunkt der Neuen Rechten gemacht. Und er fördert auch das neue poetische Sprachrohr dieser Bewegung, einen Lyriker namens Storm Linné. Der Journalist Jan Brock macht sich auf den Weg in diese Art Paralleluniversum, um mehr herauszufinden.

Jörg-Uwe Albig hat den Roman "Zornfried" geschrieben, eine Satire, die sich daran aufhängt, wie Journalisten mit Protagonisten von rechten Bewegungen umgehen. Denn Albig ist der Meinung, dass sich Medienmenschen zu oft auf das Spiel der Rechten einlassen. Das klingt, als wären die Journalisten ihrem rechten Gegenüber nicht gewachsen - sind sie denn dümmer? "Definitiv nicht. Ich halte die Protagonisten nicht für intellektuelle Überflieger. Aber die Rechten haben sich genau überlegt, womit sie etwas erreichen, die haben eine Agenda, eine Strategie, und die Journalisten haben das nicht."

Objektivität ist Illusion

Dass das nicht immer ganz so stimmt, gibt aber auch Albig, der selbst als Journalist arbeitet, zu: "Es gibt dieses Zitat von Hanns Joachim Friedrichs, das immer noch stark propagiert wird. Das besagt sinngemäß, dass sich ein guter Journalist nicht auf eine Seite schlägt, nicht einmal auf die gute. Das ist natürlich illusionär. Natürlich hat ein Journalist eine eigene Meinung."

Albig ist der Meinung, dass die AfD nie die Bedeutung erhalten hätte, die sie jetzt hat, wenn die Medien sich nicht "zum nützlichen Idioten" für sie gemacht hätten. "Aber es liegt natürlich auch an der Eigendynamik der Branche, dass ein rechtsradikaler Verein viel aufregender, exotischer und sensationshaltiger ist als der dreimal so große Kleingartenverein in der Vorstadt, der wahrscheinlich repräsentativer ist für die Gesellschaft."

Aber müssen Medien nicht in Zeiten, in denen solche Gruppen mit den Sozialen Medien sozusagen ihre eigenen Nachrichtenkanäle haben, regulierend eingreifen? "Ich glaube nicht. Diese Sozialen Medien enden am Rand dieser Blase, die sind nicht besonders durchlässig. Und in der Blase selbst können herkömmliche Medien ohnehin nichts ausrichten, die Leute dort glauben der ,Lügenpresse‘ nichts."

Für sein Buch ist Albig unter die Lyriker gegangen, die Gedichte des Storm Linné hat er selbst erarbeitet. Außer Stefan George hatte er kaum Vorbilder: "Es gibt zwar rechte Popmusik, rechte Prosa, rechten Rap, aber keine Lyrik." Geholfen hat ihm bei der Erstellung der bizarren und teils hochkomischen Verse der Konsum von rechter Popmusik: "Obskure Sachen, die man nur findet, wenn man wirklich danach sucht. Das wird in England gern gehört, die arbeiten auch gern mit sehr schwülstigen, todessehnsüchtigen Texten."

Für eine besonders schöne Szene hat sich Albig im ideologischen Motivfundus bedient: Wenn der Freiherr dem Journalisten im Wald erklärt, wie die deutsche Buche von aggressiven botanischen Einwanderern bedroht wird. "Es gibt da einen Nazi-Propagandafilm von 1936, den findet man auch auf YouTube, ,Ewiger Wald‘, der zeigt über eine Dreiviertelstunde lang Waldszenen mit schwerer wagnerianischer Musik unterlegt, da kommt natürlich die Schlacht im Teutoburger Wald vor. Es gibt auch ein Buch namens ,Der Wald als Erzieher‘ von Mitte der 30er Jahre. Da erklärt ein Forstmeister, was die deutsche Volksseele lernen kann vom Waldl." Albig sieht übrigens kuriose Parallelen: "Ich will da natürlich keine Kausalität unterstellen, aber ich finde es schon verblüffend: Es gibt ja gerade eine Renaissance des Waldes, Bücher, die Bestseller werden, Waldbaden - der Wald wird wieder sehr geschätzt. Und dieser Trend begann ungefähr gleichzeitig mit dem Aufstieg der AfD. Ich will um Gottes willen nicht sagen, das seien dieselben Leute! Aber ich finde interessant, dass die Sehnsucht nach dem Wald auflebt, wenn es auch eine Sehnsucht nach der Abgeschlossenheit der eigenen Nation gibt."