Dass der Nobelpreis für Literatur genau das ist, nämlich eine Auszeichnung für literarisches Schaffen, das machte die Verleihung am Dienstag in Stockholm klar. In seiner Laudatio für Peter Handke erwähnte der Vorsitzende des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie, Anders Olsson, mit keinem Wort die medial vorherrschende Debatte über die politische Haltung des Laureaten. Sondern er würdigte das künstlerische Schaffen und die sprachliche Einflusskraft Handkes.

Olsson lobte die "bahnbrechende Meisterschaft der Sprache" eines Autors, der oftmals die Konformität unserer Zeit verweigere. "Er schildert nicht die Metropole, er schildert die Peripherie", so der Laudator: "Sein Blick ist seine Sprache." Seine Gesinnung sei antinational, müsse er doch mit dem kulturellen Erbe umgehen, dass seine Heimat Österreich einst von den Nazis besetzt wurde.

Olsson erinnerte an den rebellischen Handke der 70er, der die Literatur der Gruppe 47 attackiert hatte und beschrieb ihn als einen Dichter, der "seinen Traum einer neuen Prosa wahrgemacht hat." Er würdigte den "Geist der Entdeckung" und die "visionäre Sprache", die Handkes Werk durchzogen und die ihn zu einem der einflussreichsten Schriftsteller des Nachkriegs-Europas machten.


Von Klassikern gerettet

Er erzählte stimmungsvoll von Passagen aus "Mein Jahr in der Niemandsbucht" und erklärte, wie Handke immer wieder zu seinen Wurzeln zurückkehre, um der Toten, wie seiner durch Selbstmord verlorenen Mutter in "Wunschloses Unglück", zu gedenken. "Empfänglich zu sein ist alles", so Olsson weiter über Handke, dessen Affinität zu den Klassikern er herausstrich: "Er hat gesagt, dass die Klassiker ihn gerettet und ihn geformt hätten." Nun sei er selbst ein zeitgenössischer Klassiker. Aus den Händen des schwedischen Königs Carl Gustaf erhielt Handke schließlich Urkunde und Medaille und verbeugte sich drei Mal.

Am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel, wird alljährlich die höchste Auszeichnung in den Disziplinen Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Wirtschaftswissenschaften vom schwedischen König Carl Gustaf persönlich übergeben. Der Preis ist mit je neun Millionen Schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotiert, heuer wurden 14 Preisträger ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Medizin erhielten William Kaelin, Peter Ratcliffe und Gregg Semenza für ihre Entdeckung der Mechanismen, wie Zellen Sauerstoffkonzentration "riechen" und darauf reagieren. Der Nobelpreis für Chemie zeichnet die Entwicklung der Lithium-Ionen-Batterie durch John Goodenough, Stanley Whittingham und Akira Yoshino aus. Den Nobelpreis für Physik überreichte Carl Gustaf Michel Mayor und Didier Queloz für den ersten Nachweis eines Exoplaneten. Der Wirtschafts-Nobelpreis ging an die Erforschung globaler Armut, entgegen genommen haben ihn Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer. Der Friedensnobelpreis, er ging heuer an Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed, wurde bereits am Dienstag vormittag in Oslo überreicht.

Den im Vorjahr wegen Skandalen in der Schwedischen Akademie ausgefallenen Literatur-Nobelpreis 2018 erhielt Olga Tokarczuk, den für 2019 Peter Handke.

"Was sich gehört, werde ich mitmachen", hatte Peter Handke in einem Interview im Hinblick auf das Zeremoniell der Verleihung gesagt. "Mit dem Frack ist es ein anderes Problem. Da habe ich ein bissel Sorgen, welche Figur ich darin machen werde." Die Verleihung im Konzerthaus von Stockholm ist eine hochoffizielle Angelegenheit, bei der nichts dem Zufall überlassen wird: von der Kleiderordnung (Frack für die Männer, die Frauen im Abendkleid) über den Blumengruß (heuer 25.000 Orchideen und Rosen aus Sanremo) und der Sitzordnung der 1560 geladenen Gäste (in der ersten Reihe stets die Königsfamilie, flankiert von den Preisträgern und deren Familien) bis zum Bankett in der Blauen Halle des Rathauses.

Causa Handke: Ein Politikum

Nur die weltweite Empörung, die heuer mit der Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke einhergeht, steht nicht auf der Tagesordnung. Das ostentative Fernbleiben einzelner Gäste ist ein noch nie dagewesener Verstoß gegen das Zeremoniell: Die Vertreter von Albanien, Kosovo, Kroatien und der Türkei haben abgesagt, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Peter Handke gar als "rassistische Person". Sogar ein Mitglied der Schwedischen Akademie erschien nicht: Peter Englund berichtete in den 1990er Jahren als Journalist über den Balkankrieg und sagte, dass er es als "Heuchelei" empfinden würde, der Preisverleihung beizuwohnen. Ein Affront.

Kriegsopferverbände demonstrierten am Dienstag auf Stockholms Straßen gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Handke. Teufika Sabanovic, Organisatorin der größeren, abendlichen Kundgebung, sagte, man könne nicht unwidersprochen hinnehmen, dass Handke Geschichtsrevisionismus betreibe. Bei einer nachmittäglichen Demo überwog die Zahl der Journalisten die der Teilnehmer. (cb/red)